Lärm um Chemnitz, Stille um Köthen

Von Thomas Bez für Welt
10.09.2018 18:04 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Von Thomas Bez

Kommentar zu einem Beitrag von Martin Lichtmesz in Sezession

Es ist merkwürdig still um Köthen in der Systempresse. Da skandieren angeblich 500 von 2.500 Demonstranten "Nationaler Sozialismus jetzt!", was ganz schön laut gewesen sein müßte, und darüber schreibt gerade mal die FAZ einen moderaten Artikel. Da hieß die Demonstration auf einmal doch Trauermarsch, und an seinem Rande wären zunächst keine Ausschreitungen oder Gewaltszenen bekannt geworden. Das freut Uns sehr und zu Unserer Überraschung anscheinend auch die FAZ, denn sie meldet, daß Blumen und Kerzen niedergelegt wurden.

Beim Spiegel kann man sich an Maaßen abarbeiten und ist froh, über einen liebsamen (Sagt man so? Wir meinen einen nicht ganz unliebsamen.) neuen Bürgermeister in Sachsen berichten zu können. Die Zeit schreibt von Neonazis, unterschlägt aber die Parolen. Und so weiter durch die Presselandschaft. Am ausführlichsten berichtet ausgerechnet die NZZ. Die meldet sogar, daß ein Redner das Wort Rassenkrieg benutzt habe. Ach ja, TAZ und Huffington Post auch.

Eigentlich müßten alle unisono aufgekreischt haben. Was ist der Grund für diese gespenstische Zurückhaltung? Ist es die nackte Angst des Apparats, daß jedes bißchen weitere Konfrontation demnächst einen Ausbruch befeuern könnte? Stehen wir dichter vor Aufständen als bisher geahnt? Jedem Falken und sogar jedem Trottel ist wohl bewußt, daß ein Staat nicht als derselbe aus einem (wenn auch nur lokalen) Ausnahmezustand herauskommt, als der er hineingeschliddert ist.

Wie fein die Medien gleichgeschaltet sind, wundert Uns freilich nicht, aber dies ist ein hübsches Exempel. Haben Presse, Funk und Fernsehen in ihrer Liebedienerei, ihrer etwas außer Kontrolle geratenen Schreiberei und Rederei über Chemnitz, etwas zu viel des Guten getan? Ihre Norm zu sehr übererfüllt? Führt zu dem Spin der Berichterstattung über Köthen vielleicht weniger die aufkeimende Angst des Apparats vor Unruhen, sondern eher der Wunsch, vor den anstehenden Wahlen wieder etwas bleierne Schwere zu schaffen? Dann können wir zumindest hoffen, daß der Ton des offiziell geführten Teils der Debatte sich auch im weiteren für die nächste Zeit wieder etwas mehr versachlicht.

Was natürlich nicht heißt, daß wir nicht erst recht Tacheles reden müssen.

Das Hoffnungslose des Zustands, in dem wir alle uns hier und heute befinden, zeigt sich jeden Morgen, wo eine der ersten Unserer Handlungen ist nach dem Tablet zu greifen und schnell drei, vier Nachrichtenseiten durchzusehen, ob es schon wieder irgendwo einen Messermord gegeben hat und ob ein Krieg Amerikas mit Rußland womöglich unmittelbar bevorsteht.

 


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