Facebook, das Unterschichtenphänomen

Von Thomas Bez am 02.12.2011 im Weblog Tedesca <http://www.tedesca.net>

Lesermeinung zur FAZ-Kolumne "Silicon Demokratie" <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/neue-kolumne-silicon-demokratie-rettet-die-anonymitaet-11546665.html>.

Das Internet ist ein Paradies für Verbraucher und eine Hölle für Bürger. Es wird Zeit für die Vision eines Bürger-Internets, das uns vor der Macht der Konzerne schützt.

Die meisten haben es bloß noch nicht bemerkt: Facebook ist verzichtbar. Die "unsozialen" Netzwerke sind tatsächlich das Gegenteil des Internet. Aber niemand, der sie als Hölle empfindet, ist gezwungen, in ihren Kesseln zu schmoren.

Wir sind auch bei Facebook vertreten, doch wir nutzen es so, wie es uns nützt: um gefunden zu werden und gelegentlich Links auf eigene Inhalte zu streuen. Wir haben festgestellt, daß selten mehr als Belanglosigkeiten in all den unsozialen Netzwerken ausgetauscht wird. Wir klicken auf keine "Like"- oder "+1"-Knöpfe, wir löschen regelmäßig alle Arten von Cookies, um aus dem Geschäftsmodell dieser Datensammler weitgehend ausgeklinkt zu bleiben.

Das alternative Internet der Bürger ist doch schon da, und es gehört nicht viel dazu dabeizusein. Man muß nicht besonders technikaffin sein, um sich seine Domain zu reservieren und seine eigenen Seiten zu publizieren. Benötigt wird nur etwas Motivation und Fleiß. Fleiß ist natürlich erforderlich, wenn man sein Publikum mit Inhalten erreichen will - "Content is King" hieß das irgendwann einmal. Und Content erfordert halt etwas Mühe. Fleiß und einige andere Sekundärtugenden muß schon mitbringen, wer Bürger sein will - ob in der realen Welt oder in ihrem Spiegel, dem Internet.

Wir können uns erlauben, Facebook links liegen zu lassen, denn wir bieten und pflegen sorgsam Inhalte, die unserer kleinen Zielgruppe Nutzen bringen. Wir hätten nichts davon, dies über irgendein unsoziales Netzwerk zu kommunizieren. Und das ist eben der Punkt: Wer wirklich etwas zu sagen hat, besitzt seinen eigenen Internetauftritt oder schreibt in einem Blog oder bei FAZ.NET, aber doch nicht bei Facebook. Wer wären denn die modernen Autoren, die Facebook als Sprachrohr benötigen? Bei Facebook und ähnlichen Netzwerken schwätzen gerade die, die nichts besonderes zu sagen haben. Es exhibitionieren sich die, die man eh nicht sehen will.

Facebook ist also seinem Wesen nach ein Unterschichtenphänomen, und als solches wird es weiterexistieren. Das ist doch keine Gefahr für die Demokratie, ebensowenig wie die Bild-Zeitung. Facebook wird uns nicht hindern, Bürger zu bleiben.