Intellektuelle vs Trump

Von Thomas Bez
09.02.2017 19:48 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf FAZ.NET: Make intellect great again!

Amerikas Intellektuelle sind nicht schuld an Donald Trump, denn einen öffentlichen Diskurs hat es dort nie gegeben. Vielmehr steckt die Demokratie selbst in einer Krise.

 

Den Verstand wieder groß zu machen, jedenfalls in der öffentlichen Meinungsdebatte, ist eine Forderung, der wir uns unbedingt anschließen wollen.


By Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41080831

Noam Chomsky, by Duncan Rawlinson
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CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1194102

Gibt es denn noch Intellektuelle diesseits des Atlantik? Ist dem Kommentator aufgefallen, daß alle Genannten außer Badiou schon tot sind? (Wir haben das mithilfe von Wikipedia verifiziert.) Gut, freilich gibt es noch Intellektuelle, aber die uns einfallen in Deutschland sind eher Konservative oder Neue Rechte (keiner davon jedenfalls links von Sloterdijk) und ganz gewiß nicht die, die dem Kommentator vorschweben, wenn sein Kriterium für einen Intellektuellen ist, daß dieser eine "politisch-moralische Instanz mit gesellschaftlicher Resonanz" ist. (Letzteres wohl ein anderer Ausdruck für geistigen oder geistlosen Mainstream, wo wir heute beim besten Willen niemanden erkennen können, der ein Intellektueller genannt zu werden verdient.)

Die Liste der Amerikaner, die der Kommentator in die Schublade "Intellektuelle" tut, sieht aber auch nicht aus, als wären ihm massenhaft Beispiele eingefallen. Und Chomsky, der links, sogar wahrhaft links und eines ganz gewiß nicht ist: Mainstream, und den wir schon seit unseren Studienzeiten vor 30 Jahren verehren und ohne Zögern einen wirklichen Intellektuellen nennen würden, ist auch kein guter Zeuge gegen Trump. Denn bei all seiner legitimen Ablehnung des neuen Präsidenten (die aber auch nur graduell größer zu sein scheint als seine Abneigung gegen Clinton) vertritt er eine sehr differenzierte Auffassung, welche Gründe zum Sieg Trumps geführt haben, und spricht die Hoffnung offen aus, daß der Weg zu neu geordneten Beziehungen zwischen Amerka und Rußland jetzt offen ist, die die Welt sicherer machen könnten. Und daß eine Emanzipation Europas (und wenn er Europa sagt, klingt es fast schon wie Abendland) von Amerika einen Abbau der Spannungen und in fernerer Zeit den Übergang zu einem eurasischen (sic! wie der russische Intellektuelle Dugin) Sicherheitssystem jenseits der Militärbündnisse zur Folge haben könnte. Süßer die Glocken nie klangen. Man genieße das Interview bei Truthout, wenige Tage nach der Wahl im letzten November. So viel Klarblick oder wenigstens Vision würde man sich von ein paar mehr wahren oder Möchtegern-Intellektuellen diesseits und jenseits des Atlantik sowie diesseits und jenseits des Styx wünschen.