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Die Abnutzung der Worte

Von Thomas Bez
06.02.2017 18:40 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf Cicero: Versuchter Wortmord

In der Politik ist die Wortwahl entscheidend. Ein gutes Wort für eine gute Sache zu finden, darauf kommt es an. Schlechte Worte können hingegen töten, zum Beispiel eine gesunde Diskussionskultur. Das zeigt die Neuschöpfung „neurechts“.

 

Wer sich zur Neuen Rechten zählt, muß sich freimachen von jeder Scheu, Neuer Rechter auch genannt zu werden. Er darf sich nicht einmal scheuen, ein Nazi genannt zu werden. Dieses Wort wird zunehmend seiner Bedeutung entkleidet und hat in der öffentlichen Debatte seine Unterscheidungskraft verloren wie viele andere Worte auch, zum Beispiel "Haß" oder "Flüchtling". Ein Neuer Rechter kann in unserer Zeit, da die Sprache "linksliberal" okkupiert und das Meinungsklima "linksliberal" dominiert ist, per se kein Mitläufer sein. (In Anführungszeichen, weil das, was heute linksliberal genannt wird, selten liberal ist und meist nicht einmal links.) Es steht keine Lagerhaft auf Rechtssein, und Schweigen kann für ihn nicht infrage kommen, denn zu schweigen ist Sache der Mitläufer. Es gibt keine heimlichen Neurechten und Worte töten mitnichten. - Den Begriff Neue Rechte haben im übrigen nicht deren Gegner erfunden und die Nouvelle Droite gab es schon lange bevor George W. Bush Präsident war.

 


Karriere als freiberuflicher Aktivist

Von Thomas Bez
04.02.2017 10:08 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf Cicero: „Es war die Überheblichkeit, die uns scheitern ließ“

Antoinette Hage hat sich für die Remain-Kampagne in Großbritannien und für Hillary Clinton im US-Wahlkampf eingesetzt. Nach dem Brexit-Votum und dem Sieg Donald Trumps spricht sie von „fundamentalen Fehlern“, die in beiden Kampagnen gemacht worden seien. Antoinette Hage ist freiberufliche Aktivistin in London.

 

Sehr geehrte Frau Hage, ich bin freiberuflicher Ingenieur und würde mich gern verändern. Ich lese hier zum ersten Mal die Berufsbezeichnung "freiberuflicher Aktivist" und habe mit Interesse Ihr LinkedIn-Profil studiert. Solch eine Laufbahn könnte mich auch interessieren. Hätten Sie ein paar Tips für mich? (1.) Wie sind denn die Einkommensaussichten, also zum Beispiel das Band üblicher Tagessätze? (2.) Verhandelt man seine Konditionen direkt mit dem Auftraggeber oder werden Personalvermittler eingeschaltet? Welche Margen für die Vermittler sind üblich? (3.) Angesichts Ihrer Erfolgsquote im letzten Jahr gehe ich davon aus, daß in dieser Branche eher auf Basis von Dienst- und nicht von Werkverträgen gearbeitet wird. Ist das richtig? (4.) Gibt es gute Haftpflichtversicherungen, die auch bei grenzwertigen Einsätzen einspringen? (5.) Falls Sie z.B. in UK für einen Einsatz engagiert sind, dessen Ziel ist, die USA zu destabilisieren (also das Lieferland ein anderes ist), fällt in diesem Fall Umsatzsteuer an?

 


Ausgewogene Analyse, was passieren kann, wenn Bürokratie auf libertären Eigensinn trifft

Von Thomas Bez
02.02.2017 23:32 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf FAZ.NET: „Das ist ein Angriff auf den Rechtsstaat“

Ein Bauer, der seine Tiere nicht ordnungsgemäß hielt, hat den Leiter eines Veterinäramtes niedergeschossen. Reinhard Sager, Präsident des Deutschen Landkreistags, sagt: Kein Einzelfall, sondern trauriger Höhepunkt eines gesellschaftlichen Trends.

 


Screenshot

Wir wissen nicht, was der Bauer seinen Rindern, Schafen und Pferden durch unsachgemäße Haltung angetan hat. Es muß etwas Grausames gewesen sein.

Wir sehen am Bild: (1.) daß der Bauer nicht mehr alle Latten am Zaun hat, (2.) daß er seinem Hof beigebracht hat zu sagen: "Wir wollen in Ruhe gelassen werden." Das hat der Bauer gewiß auch schon dem Veterinäramt gesagt, aber das ist absurd, denn die vornehmste Aufgabe jeder Art Amtes (Bau, Veterinär, Verfassungsschutz usw. usf.) ist es, die, deren es habhaft wird, nicht in Ruhe zu lassen und sich mit größtem Engagement für sie einzusetzen.

Auch Nachbarn mögen keine Nachbarn, die nur in Ruhe gelassen werden wollen. Da gibt es schnell mal eine Anzeige. Aber es ist ja nur zum Besten des Bauern, denn den 8000 Gesetzen und Regelungen, die für seinen Fall gelten, muß Respekt und Geltung verschafft werden. Aber wie soll das der Bauer verstehen, er hat ja, wie wir sahen, nicht alle Latten am Zaun. Trotzdem, solch eine Überreaktion, das geht ja gar nicht.

 


Ja

Von Thomas Bez
02.02.2017 19:11 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf FAZ.NET: Droht ein Wirtschaftskrieg?

Für Donald Trump ist der globale Wettbewerb ein Wirtschaftskrieg zwischen Nationen, in dem des einen Gewinn des anderen Verlust ist. Die Antwort aus Deutschland muss noch bessere Qualität sein, vor allem aber eine bessere Wirtschaftspolitik.

 

So einfach, schlüssig, wahr läßt sich das in acht Absätzen zusammenfassen. Und doch das erste Mal, daß wir die Freude haben, es in der deutschen Qualitäts-, System-, Mainstream- oder Wie-auch-immer-Presse so zu finden. Ein erstes Wetterleuten zum Zeichen, daß unsere Medienlandschaft, zumindest ihr traditionall konservativer Teil, eines Tages zur Normalität zurückfindet? Egal, ob wir Trump mögen oder verabscheuen, ob wir globales Wirtschaften für ein Nullsummenspiel oder ein Win-Win halten, ob wir den Menschenstrom Wirtschaftsmigranten oder Flüchtlinge nennen: Wir alle haben es mit einer fundamentalen Wende in der Globalpolitik zu tun, die niemand mehr aufhält. Da reicht es nicht, einen total überforderten Parlamentarier Bosbach nach Amerika zu schicken zum Kontakte knüpfen oder so, sondern wir brauchen eine Bis-September-Noch-Regierung, die den Kopf mal aus dem Sand zieht, insbesondere einen Regierungschef und einen Wirtschaftsminister, falls wir sowas gerade haben.

 


Falsche Gewährsleute und richtige Revolution

Von Thomas Bez
01.02.2017 10:59 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf Sezession: Das 20-Punkte-Programm für den Widerstand

Timothy Snyder hat die Kunst entwickelt, Trump explizit nicht mit Hitler zu vergleichen, er spricht also von der gegenwärtigen Situation in den USA und nicht von Deutschland. Im November hatte der Autor ein 20-Punkte-Programm publiziert. Setzt man „Deutschland“ statt „Amerika“ ein, hat man mit ein wenig komparatistischem Zwischendenzeilenlesen ein ganz gutes Rüstzeug für den hiesigen Widerstand.

 

Was wir meinen, zum Artikel der geschätzten Frau Sommerfeld anmerken zu sollen.


Nicht nur der Deutschen liebster Zeitvertreib: ...
by Bundesarchiv, Bild 101I-811-1881-33 / Wagner /
CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5477887

... der Hitlervergleich
by Gage Skidmore from Peoria, AZ
United States of America - Donald Trump, CC BY-SA 2.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66881486

1. Hitlervergleiche

Wer so intensiv Trump explizit und eindeutig NICHT mit Hitler vergleicht und das so penetrant betont, hat den Hitlervergleich längst abgefeuert. Das darf Snyder gern tun, das darf jeder gern tun, ein Gewährsmann für gute Ratschläge zur Durchführung konservativen Widerstands ist diese Person für uns dann nicht mehr, mangels Seriosität nämlich, auch wenn die Ratschläge erst einmal sehr hübsch klingen. Wir wären nicht auf die Idee gekommen, Ratschläge zum Kampf um unsere Freiheit gerade bei Snyder zu suchen. Wenn er sagt, daß, wie wir im zitierten Welt-Artikel lesen können, "eine Wahl im November, die unerwartete Folgen hatte" oder er "sich sehr geschickt der neuen Medien zu bedienen weiß" eine auffällige Parallele zwischen Hitler und Trump sei, dann ist das demagogisches Grundlagenseminar, aber intellektuell eine ziemlich untere Schublade. Wenn es dann etwas ernsthafter klingt und um "die Überzeugung eines Anführers, daß die Wahrheit völlig irrelevant ist" geht, müssen wir uns fragen: (1.) Welche Wahrheit worüber ist hier gerade gemeint? (2.) Woran ist die Überzeugung des Anführers, daß die Wahrheit (für ihn oder überhaupt, wenns gerade paßt oder ganz grundsätzlich?) irrelevant ist, zu erkennen? - Weiter haben wir den Schmus in der Welt dann nicht gelesen. Denn wenn das nicht doch ein Hitlervergleich (sozusagen in den Rücken) ist, was dann? Wir sind von Hitlervergleichen inzwischen so maßlos gelangweilt...

2. Billige Thesen-Kompilate

Aber schaun wir mal inhaltlich in Snyders 20 Thesen. (Daß es auch immer so eine schön runde Zahl sein muß, 10 oder 20. Wie die Top 10 der besten Smartphones. Nur einer hat sich bisher zu 95 Thesen verstiegen. Aber dies hier nur mal beiseit' gesprochen.)

Übergeben wir einem autoritären Regime nicht freiwillig die Macht.

Aber klar doch, voll d'accord. Welches autoritäre Regime wäre das denn? Das der Revolution von Trump oder das der Konterrevolution nach geglücktem Attentat auf Trump und Handstreich gegen potentielle Amtsübernehmer? Man kann die 20 Ratschläge (im Original) gegen beide Szenarien lesen und sie passen immer. Das macht sie so toll und so wertlos.

Frischen Sie Ihre transatlantischen und russischen Freundschaften auf oder entwickeln sie überhaupt erst einmal welche.

Nun ja, transatlantisch haben wir hier im Staat BRD schon seit 70 Jahren und sehen, wohin uns das geführt hat. Die Lektion aus Trump hätte ja gerade sein können, ein neues deutsches oder wenns den sein muß europäisches Selbstbewußtsein zu entwickeln. Gerade transkontinentale Beziehungen zum postkommunistischen Rußland würden uns außerordentlich nützen.

Der Spin, hochverehrte Frau Sommerfeld, den Sie der Vorlage geben durch Rechtsherumdrehen und kleine Einschübe (man vergleiche Original und Ihre Interpretation von These 4) ist ehrenwert und steht wofür nach unserer Auffassung Sezession steht. (Auch wenn beim Wort Demokratie mancher Leser schon wieder fragen mag: Welche Art von Demokratie ist hier gemeint? Wollen wir DIESE Demokratie retten oder wollen uns bei dem Wort etwas anderes vorstellen?) Wir teilen so ziemlich in allen Punkten Ihre Meinung, die aus dem spricht, was Sie aus Snyders angeblich handkopiertem Papier gemacht haben. (Wir stellen uns gerade Snyder in einer Fußgängerzone in Wichita, Kansas vor. Warum twittert er's eigentlich nicht oder schreibt in der Huff oder seinem Blog? Auch viele Trumpisten haben schon Internet.)

3. Was für eine Art Revolution hätten wir denn gern?

Es ist frappierend, mit wie wenig Hinzufügens es möglich ist, aus einer einigermaßen strukturierten generischen Vorlage ein der Sache angemessenes und durchaus nützliches Brevier zu zimmern. Wenn das funktioniert, vielleicht nehmen wir uns für die konservative Revolution (in einer sachlich-praktischen Interpretation des Begriffs, keiner metaphorisch-metapolitischen) doch mal Lenin als Vorlage vor, angefangen mit "Was tun?". Oder die einzige deutsche Revolution die jemals zum Abschluß geführt wurde? Beides natürlich unter Weglassung aller ihrer ideologischen Bestandteile und ihrer Protagonisten, all dies ersetzt durch die Attribute gemäß dem Ziel, das wir mutmaßlich gemeinsam im Auge haben. Sozusagen Revolutionstheorie als technisches Gerüst. (Im Zeitalter der Smileys betonen wir extra: Diese Idee enthält nur den Hauch von Ironie, der uns normalerweise schützt, uns selbst zu überheben.) Vielleicht kann man auch aus den falschen Revolutionen Richtiges lernen, wie zum Beispiel Trump es augenscheinlich tat. Und die einzige (noch) oppositionelle Partei in Deutschland täte auch daran gut, wenngleich wir glauben, daß jenseits des dringend notwendigen massiven Zugewinns im September diese Partei nicht die eigentliche Bewegungspartei werden wird. Dafür braucht es eine Partei neuen Typus, welche vermutlich mangels hinreichender Implementierung innendemokratischer Prinzipien schon nach deutschem Vereinsrecht illegal wäre.

Aber eh wir noch ins Schwafeln geraten, hören wir erst einmal auf. Nichts für ungut.

PS: Eine Frage hätte wir doch noch, nämlich zu These 9: Vor gar nicht so vielen Jahren noch hätten wir die FAZ die beste Zeitung der Welt genannt, dicht gefolgt von der NZZ - und wir kennen ein wenig von der Welt. Sic transit gloria mundi. Letztes Jahr haben wir uns ihrer nach 12 Jahren Abonnement entledigt und sudeln nur noch dann und wann ein wenig auf FAZ.NET. Leider gibt es noch immer keinen deutschen Ersatz, der an das frühere Niveau der FAZ heranreicht, weder unter den Tages- noch unter den Wochenzeitungen. Wir fühlen uns etwas einsam ohne ein Stück Presse, das wir mögen können. Als Lektüre zum Frühstück können wir Camus oder Orwell einfach noch nicht verdauen. Kein Bier vor vier. Den Geheimtip (neben der Sezession, natürlich) suchen wir noch immer. Irgendwelche Anregungen?

 


Wir werden uns mit der Deglobalisierung arrangieren

Von Thomas Bez
31.01.2017 16:12 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf FAZ.NET: Geht es auch ohne Amerika?

Donald Trump will Amerika einmauern und pfeift auf europäische Waren. Können wir unsere Qualitätsprodukte dann nicht einfach woanders verkaufen? Ganz so einfach ist das nicht! Über die Folgen des Isolationismus für die deutsche Wirtschaft.

 

Wer kümmert sich gerade um die Zukunft unseres Landes?

Wo fertigt Voith seine Turbinen für Amerika? In Mexiko? Nein, aber dafür haben sie zahlreiche Produktionsstandorte in USA. In China und Indien fertigen sie auch - hoffentlich nicht für den außerasiatischen Markt. Voiths Problem sollte vielleicht etwas genauer erläutert werden.

Aber zum Thema: Wäre es vielleicht eine dankbare Aufgabe für den deutschen Wirtschaftsminister, in Washington vorzusprechen und über die Möglichkeiten für ein bilaterales Handelsabkommen zwischen Deutschland und USA zu sprechen? (Uns ist im Moment nicht erinnerlich, wer das ist, aber er selbst wird es ja noch wissen.)

Vielleicht könnte die Kanzlerin aus ihrem Urlaub in Templin zurückkommen, das Tonband im Kanzleramt abschalten, öffentlich erklären, daß sie ohne Wenn und Aber hinter dem deutschen Volk steht und seinen Wohlstand mehren wird, um sich dann mit Priorität um die Erhaltung der guten wirtschaftlichen und politschen Beziehungen zu Amerika zu kümmern.

Wir werden uns mit der Deglobalisierung arrangieren

Vielleicht geht ja folgendes in einer wieder etwas deglobalisierten Welt nicht mehr: (1.) ein Produkt hier entwicklen, vielleicht auch bald größere Teile davon in Indien, (2.) fertigen in China, Indien, Mexiko oder wo die Löhne gerade fein billig sind, (3.) das Ganze dann in ein Erstweltland verschiffen, (4.) den Großteil der Gewinne an irgendwelche institutionelle Anleger in England, Amerika oder meinetwegen Norwegen, künftig auch in China, weiterreichen. Davon kann kein Bäcker in Heidenheim leben, vielleicht einige Juristen - in New York.

Globales Wirtschaften ist nun einmal nicht das große Win-Win, das Volk hat das am Zustand seines Arbeitsmarktes schon lange registriert. Ausgerechnet in den angelsächsischen Ländern regt sich der erste ernste Widerstand. Die Zeitenwende ist bereits eingetreten, lamentieren darüber hilft nicht.

Es wird Zeit, daß Deutschland das akzeptiert und im eigenen Interesse aktiv wird - wir regten weiter oben schon Wirtschaftsminister und Kanzlerin an.

 


Bereit sein für die Deglobalisierung

Von Thomas Bez
30.01.2017 14:12 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf Sezession: Trumps gravierender Fehler

Mit Trump findet nun ein einschneidender Leitbildwechsel statt, der an den Grundfesten der Globalisierung rüttelt. Das alles geschieht im Namen der amerikanischen Arbeiter, für die der Ausstieg aus bestehenden oder geplanten Freihandelsabkommen eine "großartige Sache" sein soll. Ob es sich im Fall des Ausstiegs aus TPP wirklich um eine „großartige Sache“ für den amerikanischen Arbeiter handelt, wird sich indes noch zeigen müssen. Aus geostrategischer Sicht jedenfalls handelt es sich um einen gravierenden Fehler.

 

Was wirtschaftlich das beste für ein Land ist, ist schwer zu ermitteln. Besonders vorneweg. Es ist ja noch nicht einmal einfach, in diesem Zusammenhang "das beste" zu definieren. Ist zum Beispiel Deutschlands Exportüberschuß gut für Deutschland? Für viele mittelständische Maschinenbauer, die nicht den Fehler gemacht haben, ihre Seelen für den amerikanischen Markt zu verkaufen, sind die Exporte die Lebensgrundlage. Für den Arbeiter (über den auch nur immer Leute sprechen, die froh sind, nicht zu seiner Klasse zu gehören) im Dax-Konzern sieht das anders aus: Die Fertigung irgendwo in einem Schwellenland, die Gewinne bei irgendwelchen institutionellen Anlegern in England, Amerika oder meinetwegen Norwegen, künftig auch in China. Die Außenhandelsbilanz immer unausgeglichener, abzulesen am Targetsaldo - also kein Konsum für verkaufte Arbeitskraft. Inzwischen haben schon die meisten Deppen begriffen, daß die Globalisierung irgendwem und irgendwelchen Ländern nützt, aber deutlich weniger ihnen selbst in unserem Land. Globales Wirtschaften ist nun einmal nicht das große Win-Win.

In der ersten großen Globalisierungswelle im 19. Jahrhunderts war das Verständnis von "Freihandel" auch noch ein anderes als heute zu Zeiten von TTIP. TTIP ist am wenigsten Freihandel, sondern eher ein Kartell der globalen wirtschaftlichen Spieler gegen das Primat der Politik in den (soll man schon sagen: "ehemaligen"?) Nationalstaaten. (Ehrlicher- und überraschenderweise nennt es sich ja sogar noch "Investment Protection".) So etwas erfordert multilaterale Verträge, die über Jahrzehnte vorbereitet wurden, beziehungsweise Verträge, bei denen die Mitspieler schon in jahrzehntelanger Arbeit in ein Korsett gepreßt wurden - wir nennen es EU.

Wir sollten also nicht lamentieren, daß es nun zu dem einen oder anderen sogenannten Freihandelsabkommen nicht mehr kommt oder manche aufgekündigt werden. Wo ein Hegemon (wie die USA nach genau 100 Jahren Exkurs in die Hegemonie) offensichtlich erschlafft, wo aus einer uni- oder bipolaren Welt mit angegliederten Vasallenbündnissen eine multipolare hoffentlich, hoffentlich! wird, ist kein Platz für monströse Organisationen und Verträge, denen man nimmer entrinnen kann. (Was auch für eine schöne Assoziation, die sich da entspinnt beim Wort "bipolare Welt".)

Wir haben am Wochenende fasziniert die Pressekonferenz von Trump und May verfolgt. Und jenseits allen Süßholzes, das da notwendigerweise geraspelt wird, konnte einem angst werden, hier in Deutschland und Rest-, bald Rest-Rest-Europa, wie sehr wir abgehängt sind. Die angelsächsische Welt entwickelt einen neuen Plan, der ihr Flexibilität in einer (naturgemäß nun qua Erschöpfung des Hegemons) multipolaren Welt geben wird, die neben Machtblöcken auch wieder aus Nationen bestehen wird. Dazu gehört auch eine Neudefinition der Handelspolitik der angelsächsischen Welt. Uns wurde bei dieser Pressekonferenz bewußt, daß diese Wende für die Welt bereits passiert ist. Ob das nun für "den Arbeiter" gedacht ist oder "to make America great again", spielt gar keine Rolle. Der Geist ist aus der Flasche.

Andererseits können wir hier in Deutschland froh sein, denn diese Situation ist ein Gewinn an Freiheit, mit der wir allerdings auch etwas anzufangen wissen sollten. Es ist wie als die Sowjetrussen wegen Erschöpfung in ihrer Rolle als Hegemon Osteuropa nicht mehr halten konnten. Manche Nationen wußten ihre gewonnenen Freiheit zu nutzen, man sehe sich nur die Ungarn und Tschechen an. Die Ostdeutschen konnten nicht anders als ihre Freiheit für ein paar Silberlinge verkaufen.

So frei wie in genau diesem Moment war unser Land als Nation seit dem Krieg nicht mehr, nicht einmal 1990. Aber keiner merkt es. Schlimmer, es interessiert nicht einmal. Die Weichen werden in den nächsten zwei Jahren gestellt, und vermutlich wird es wieder zuerst der Ostteil Europas sein, der sich arrangiert. In unserem Land hat aber niemand einen Plan, nicht einmal eine vage Idee, wie mit dem heraufziehenden fundamentalen Wandel in der Globalpolitik umzugehen sei, und im ganzen EU-Europa schon garnicht. Unsere Regierung ist paralysiert, nicht nur nicht vorbereitet zu agieren, sondern unfähig, auf die Überraschung auch nur zu reagieren. Und wie auch immer die Konstellation nach diesem September aussehen sollte, ein Konzept wird auch die neue Regierung nicht haben. Es existiert keine politische Elite mehr. Wir werden es wohl erneut vermasseln.

 


Der Niedergang der FAZ

Von Thomas Bez
28.01.2017 17:47 UTC neu
im Weblog TedescaNet


Screenshot FAZ.NET 28.1.2017 nachmittags

Heute hatte die FAZ ihren großen Tag, zumindest im Internet. (Von ihr als Tageszeitung haben wir uns im letzten Jahr, nach 12 Jahren, getrennt.) Man nähert sich dem Niveau vom Stern und Bunte.

Auf die Spitzenposition der Seite schaffte es (1.) heute früh ein Bild mit dunklen Kinderkulleraugen über einer US-Flagge und (2.) heute nachmittag eine Schmonzette, in der unter anderem ein Hund namens Wolfgang vorkommt, der durch sein Verhalten kundtut, daß auch er gegen Trump ist. (Wirklich, Aufmacher auf Position eins für wenigstens zwei Stunden.)

Zwei Artikel tiefer eine Polemik zum Melania-Titelphoto in einer Vanity Fair. Gleich daneben wenigstens eine, wenn auch unvollendete, politische Analyse, wo die Think Tanks sich ausweinen, die plötzlich obsolet geworden sind und das Geschäft an andere Unternehmen verlieren, die Trump zugeneigt sind - o Wunder. Dazu noch eine Glosse über Trump, der den längsten... Schlips hat. Die Glosse ist vom Herausgeber, man ist sich für nichts zu schade.

Der Familien-Teil gibt Rat in der Kolumne "Wie erkläre ich's meinem Kind". Unter der Überschrift "Warum jemand lügt und wie man damit umgeht" heißt es apodiktisch in der kindgerechten Sprache einer der zahllosen jungen Redakteurinnen, die neuerdings in der Online-FAZ ihr Unwesen treiben: "Anscheinend lügt Donald Trump, und er findet gar nichts dabei. Wer 'alternative Fakten' verbreitet, macht es sich zugleich leicht und schwer."


Screenshot FAZ.NET 28.1.2017 nachmittags

Ach, und dann ein Bild zum Artikel, der sich mit Trumps Wortwahl "the victims ... of the Holocaust" auseinandersetzt, aus der nicht zu erkennen sei, daß diese Opfer Millionen Juden waren. Das Bild ist so aufgenommen, daß es aussieht, als sprießten aus Trumps Schultern zwei goldene Engelsflügelchen. Mit der Unterschrift "Hail to the Chief", was wohl "Heil dem Führer" heißen soll. Da will einem glatt das Lächeln gefrieren.

Während es den Leser zu gruseln beginnt, ist die Online-Redaktion nicht untätig. Nach dem Neuladen der Seite ist die Glosse mit dem Schlips verschwunden, wofür die Nachricht erscheint, daß Trump einer Friedensnobelpreisträgerin das Herz gebrochen hat. Und so weiter und so fort. Die Meldung, daß ein Herr Häßler das Dschungelcamp verläßt, geht in diesem Schleim glatt unter.

Zu guter letzt an dieser Stelle: "Trumps Präsidentschaft erinnert viele an George Orwells Roman 1984. Das Buch von 1948 ist in Amerika derzeit ausverkauft", meldet die FAZ unter der Rubrik Wirtschaft (sic). Falls jemand der irrigen Auffassung ist, daß die Enthüllungen Snowdens dieses Interesse angefacht haben könnten.

Es sind noch einige weitere Trump-Perlen auf der Seite verborgen, die FAZ arbeitet sich an ihm ab bis zur völligen Erschöpfung.

Warum breiten wir das hier so aus? Vor gar nicht so vielen Jahren noch hätten wir die FAZ die beste Zeitung der Welt genannt, dicht gefolgt von der NZZ - und wir kennen ein wenig von der Welt. Sic transit gloria mundi. Leider gibt es noch immer keinen deutschen Ersatz, der an das frühere Niveau der FAZ heranreicht, weder unter den Tages- noch unter den Wochenzeitungen. Wir fühlen uns etwas einsam ohne ein Stück Presse, das wir mögen können.

 


Georg Büchner

Von Thomas Bez
26.01.2017 07:01 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf FAZ.NET: Ein bisschen erwachsen

Junge Menschen zwischen 18 und 35 haben heute oft ein sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern. Warum eigentlich, und: Ist das gut?

 

Ein kluger Schritt, sich bei den Freunden zu informieren, ob es normal ist, wenn man nicht erwachsen wird. Die Umfrage bei der Peer Group kann aber nur Aufschluß geben, ob es "normal" ist im Sinne von "alle sind heute so". Nicht aber, ob dieses Normal zu einem guten Ende führt. Georg Büchner verglühte mit 23, bis dahin hatte er es zum Staatsfeind gebracht und war einer der großen deutschen Dichter geworden. Nicht, daß jedem gegeben wäre, das zu erreichen, aber ein Vorbild (neben Papi und Mami) dürfte Büchner schon sein. Nun scheint da eine Generation heranzuwachsen, die sich gemütlich unter Gleichen im sozialen Geflecht der Großstädte einbettet und was mit Medien macht. Keine Rede von Verglühen, bis 35, 40 leuchten sie nicht mal selbst, vielleicht zu Lebzeiten nimmer. PS: Es gab Zeiten, da wurde die FAZ von Erwachsenen geschrieben.

 


Gedenkrituale, Machtergreifungsphantasien, Revision

Von Thomas Bez
21.01.2017 16:55 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf Cicero: An seinen Machtergreifungsfantasien könnt ihr ihn erkennen

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gehört zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik. Wer dies in Frage stellt, wer von einem Denkmal der Schande statt von Schuld redet, ist kein konservativer Patriot, sondern entlarvt sich.

 


"Spagat über die Geschichte" - ein Photo aus dem Volke:
By W. Vollmer - selbst fotografiert (von meinem Klassenlehrer), CC BY-SA 3.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=920553

Von den Gedenkritualen zu Machterhaltungsphantasien

Wer wollte denn die Betonklötze jetzt entfernen? Sonne, Wind, Regen und das tobende, kletternde, urinierende Publikum werden das tun im Laufe der Zeit. Und dem Gros des Berliner Volks ist es eh egal, wie es in seiner Stadt aussieht. Wem wird jetzt in den Mund gelegt, er wolle Juden ausbürgern und entrechten? Welcher Antiamerikanismus? Aus Amerika kommen Zeichen einer Wende, die sich vielleicht als die tiefstgreifende kulturelle Wende seit dem Einstieg Amerikas in die Weltpolitik vor 100 Jahren erweisen wird, und es sind die Atlantiker und "Europäer", denen das Wasser jetzt schon bis zum Hals steht und die wie irre um sich schlagen. Die AFD will die alte BRD zurück? Dieses Revier hat Meuthen "linksrotgrün-versifft" genannt und es sind diese Träger der eingeübten kollektiven Identität, die am liebsten eine Mauer zwischen sich und dem Pack neu errichten würden, um den widerspenstigen Osten wieder los zu werden, welcher eine ganz andere Identität pflegt und den sie eh nie haben wollten.

Von Machtergreifungsphantasien zurück zu den Gedenkritualen

An ihren Machterhaltungsphantasien erkennen wir sie. Aber die gute alte BRD ist politisch wie geistig-moralisch umzingelt. Die komfortstiftende europäische Meute verkrümelt sich und alle machen bald wieder ihr eigenes Ding. Der große Meister fern im Westen verspricht, seinen Hegemonialanspruch zu dämpfen und sich endlich wieder mehr um seine ureigensten Angelegenheiten zu kümmern, und das auch noch mit einer anrüchigen völkischen Komponente. Vom Süden branden Einwandererwellen gegen die Gestade. Der Osten hat seinen Grund und Boden verhökert und dafür eine beachtliche Modernisierung der Infrastruktur empfangen, fremdelt aber nach wie vor und ist das wichtigste Stimmenreservoir der einzig verbliebenen Opposition. Da braucht es nicht mehr viel Machtergreifungsphantasien, denn die Umwälzung ist in vollem Gange. Vielleicht wird es ja nur eine 120-Grad-Wende und die Gedenkrituale dürfen intakt bleiben für die, die sich ihnen zu unterwerfen wünschen.

Machtergreifung oder Revision

Wir haben zwanzig Jahre lang, von 1990 bis 2009, je nach Opportunität CDU und FDP gewählt. Wir dürfen damit als wohlmeinende Stütze des alten Systems BRD gelten. Bis zum bösen Erwachen der Jahre 2011 und 2012: der voluntaristische Ausstieg aus der Kernenergie ("Energiewende"), EFSF ("Rettungsschirm"), Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht, ESM (noch mehr Rettungsschirm), und schließlich 2013 die neue große Koalition. Was will der normale mittelalte AFD-Anhänger aus der Mittelschicht, anderswo "White Trash" genannt? Einen geordneten Staat unter einem konservativen Regime, das weiß, was sein Volk ist und das den Volkswohlstand bewahrt und nicht verschleudert. Das ist noch nicht einmal wirklich rechts, aber selbst für einen gemäßigten AFD-Anhänger dürften die alten Blockparteien nicht noch einmal wählbar werden. Und für einen von der AFD abgespaltenen Flügel wäre da immer noch genug Raum in der Neuen Rechten, im Nationalkonservativen und Identitären. Auch so könnte es kommen.