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Deutschland ab vom Wege

Von Thomas Bez am 18.05.2018

Wir lesen gerade "Deutschland ab vom Wege" von Henning Sußebach, der mit 44 Jahren feststellt, daß es eine Welt außerhalb Hamburgs gibt und loszieht, sie zu erkunden. Sußebach ist ein netter Mensch, Wir sagen das ohne jegliche Ironie. Wir nehmen ihm alles ab, seine Naivität, seine Ehrlichkeit, seinen Willen zur Wahrheit und zum guten Tun. Nichts liegt ihm ferner als Faschismus <http://www.tedesca.net/Dogville-revisited>, auch jegliches Verständnis dafür. Und dieses Unverständnis zu empfinden hat er reichlich Gelegenheit bei seinen Wegen über das Land. Aber wahrheitsverpflichtet, wie er ist, erkennt er, daß in den Tiefen der Provinz andere Gesetze wirken als in der Stadt. Daß das, was in der Stadt gehebelt wird, unvorhergesehene Verheerungen bei den Aliens da draußen hervorrufen kann.


Wahl USA 2016: Bundesstaaten (Quelle: Fox News)

Wahl USA 2016: Landkreise (Quelle: Fox News)

Wir illustrieren das mit der Auswertung der Ergebnisse der Wahl 2016 in Amerika, die nichts mit Sußebach zu tun hat. So wird jedenfalls der Deutsche meinen, der hier in urbanen Siedlungsgebieten lebt, die mit den blauen auf der Karte korrespondieren. Jenen, die draußen in Flyover-Country leben, kann das Wissen, inmitten eines Hortes des Konservativen zu sein, hingegen Beruhigung, das Gefühl der Sicherheit, Frieden bescheren.


Urbanität in Deutschland 2016
(Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
verfremdet)

Kommen wir zurück auf Deutschland und schauen wir, wo bei uns Flyover-Country ist, wo es sich leben läßt. Wir überlassen dem Leser zu spekulieren, welches Kriterium für die Messung der Urbanität wir hier gewählt haben.

 


Der Faschismus, noch immer in seiner Epoche

Von Thomas Bez am 29.03.2018

Dogville, wieder gesehen nach 15 Jahren

Vor 15 Jahren erschien Lars von Triers Film Dogville. Seine Darstellungsmittel erschienen avantagardistisch, viele mögen geglaubt haben, der Film sei auf ihrer Seite, also sozusagen irgendwie links. Den Ort Dogville ausgelöscht hat schließlich auch nur eine finstere Verbrecherclique, da war alles klar im Raster von gut und böse und man mußte nicht genau hinhören. Den wuchtigen Schlußdialog wollte wohl niemand zur Kenntnis nehmen:

Grace: Ich schwinge mich nicht zum Richter über andere auf.

Vater: Du schwingst dich nicht zum Richter auf, weil du mit ihnen sympathisierst. Sowas wie eine zerrüttete Kindheit, und in der Folge davon ist ein Mord nicht unbedingt ein Mord – richtig? Du machst allein die Umstände für alles verantwortlich. Vergewaltiger und Mörder mögen gemäß deiner Auffassung Opfer sein, doch ich nenne sie Hunde. Und wenn sie ihr eigenes Erbrochenes auflecken, kann man sie nur mit der Peitsche davon abhalten.

Grace: Aber Hunde gehorchen nur ihrer eigenen Natur, warum sollten wir ihnen nicht vergeben?

Vater: Hunden kann man viel Nützliches beibringen, aber nicht, wenn wir ihnen jedes Mal vergeben, wenn sie ihrer eigenen Natur gehorchen.

Grace: Also bin ich arrogant, weil ich anderen Menschen vergebe?

Vater: Wie herablassend du bist, wenn du das sagst. Du gehst von diesem Vorurteil aus, daß niemand einen dermaßen hohen moralischen Anspruch an sich stellt wie du. Also entlastest du sie. Du vergibst anderen mit Entschuldigungen, die du nie und nimmer für dich selbst geltend machen würdest.

Grace: Warum sollte ich nicht barmherzig sein?

Vater: Nein, du solltest barmherzig sein, wenn Barmherzigkeit angebracht ist. Aber bleib dabei deinen Ansprüchen treu. Das schuldest du ihnen. Die Strafe, die du verdienst für all deine Vergehen, verdienen auch sie für all ihre Vergehen.

Grace: Sie sind menschliche Wesen.

Vater: Muß sich jeder Mensch für seine Taten rechtfertigen? Natürlich muß er das. Doch du läßt ihnen nicht einmal die Chance dazu.

Grace: Die Menschen, die hier leben, tun ihr Bestes unter sehr harten Bedingungen.

Vater: Wenn du das sagst, Grace... Aber ist ihr Bestes wirklich gut genug?

Erzähler: Grace sah all die verängstigten Gesichter hinter den Fensterscheiben und schämte sich dafür, daß sie diese Angst mit verursachte. Wie konnte sie sie jemals hassen für etwas, was im Grunde lediglich Schwäche war? Hätte sie nicht das gleiche getan wie all diese Leute in ihren Häusern? — Grace hielt inne, und währenddessen zerstoben die Wolken und das Mondlicht zeigte sich. Und Dogville machte wieder eine jener kleinen Lichtveränderungen durch. Es war so, als wenn das Licht, zuvor barmherzig und schwach, sich weigerte, die Stadt noch länger zu schützen. Das Licht drang jetzt in alle Unebenmäßigkeiten und Makel an den Gebäuden. Und an den Menschen. Und mit einem Mal kannte sie die Antwort auf ihre Frage nur allzu gut. Hätte sie selbst so gehandelt, wie die Menschen hier – nicht eine einzige ihrer Taten hätte sie verteidigen können und nicht streng genug verurteilen. Nein, was sie getan hatten war nicht gut genug. Und wer die Macht besaß, dies richtig zu stellen, hatte die Pflicht, es auch zu tun. Um anderer Städte willen, um der Menschheit willen, und nicht zuletzt auch um des Menschen willen, der Grace selbst war.

Grace: Ich könnte teilhaben daran, Probleme zu lösen, so wie das Problem von Dogville.

Vater: Wir könnten anfangen, indem wir einem Hund erschießen und ihn an die Wand nageln. Das hilft manchmal.

Grace: Nein, nein. Das würde die Stadt nur noch mehr verängstigen, aber nicht zu einem besseren Ort machen. Und es könnte wieder geschehen, falls zufällig dort jemand vorbeikommt und enthüllt, wie verletzlich sie sind. Diese Welt soll durch mich ein kleines bißchen besser werden. Wenn es eine Stadt gibt, ohne die die Welt besser dran wäre, dann diese hier.

Die Provinzler, heißt es in Dogville, können nicht "annehmen". Insbesondere nicht das Geschenk, als das eine Fremde sich darbietet, die nur eben nichts beitragen kann, um das prekäre Leben der Gemeinschaft leichter zu machen, da sie noch nie in ihrem Leben gearbeitet hat, die für den Ort ein Risiko darstellt, da sie von ihrem Clan und der Polizei gejagt wird, und die außerdem nervt, weil sie so hochnäsig wie ahnungslos daherkommt. Die Gemeinschaft reagiert auf den Zuzug der Fremden erst verstört, agiert dann unverschämt, niederträchtig, entwickelt sich schließlich gewalttätig vom Objekt zum Subjekt des Handelns und wird endlich durch den intellektuell und kulturell höherstehenden Protagonisten ausgelöscht, um die Welt dadurch besser zu machen.


Lars von Trier
by Georges Biard, CC BY-SA 3.0
https://commons.wikimedia.org/
w/index.php?curid=15975498

Das ist wohlgemerkt keine Auseinandersetzung zwischen indigenem Volk und eingewanderten Fremden aus einem anderen Kulturkreis. Dieses Thema haben wir kürzlich erst mit einem anderen Film behandelt. Hier stoßen zwei Parteien aufeinander, die demselben Kulturkreis, vermutlich derselben Religion, demselben Volk, derselben Gesellschaft angehören, sich nur in ihrer Klassenzugehörigkeit unterscheiden. (Religionszugehörigkeit ist so eindeutig kein Thema in diesem Film, daß wir nicht einmal zu einer Meinung kommen können, ob von Trier mit der Besetzung des Gangstervaters mit James Caan absichtlich oder versehentlich eine falsche Spur gelegt hat.)

Die Bewohner des Provinznestes sind freilich wahrhaft unausstehlich. Einfaltspinsel, Lügner, Belästiger und Vergewaltiger. Graces Fazit, daß die Welt ohne diesen Ort besser dran wäre, ist für den Zuschauer nicht schwer nachzuvollziehen. Zumindest wurde dem Film im Jahre 2003, soweit wir wissen, dieses Fazit von keinem angekreidet, was schon erstaunlich ist, da doch die westliche Elite so sensibel für alle Schwingungen des Faschismus zu sein glaubt. Die Dramaturgie des Filmes ist darauf angelegt, beim Zuschauer Verständnis für Graces Entscheidung zu erheischen, und er entläßt uns mit dem Gefühl der Genugtuung. Man könnte es auch so sagen: Der Film empfiehlt in einer solchen Konstellation Auslöschung des Niedern durch das Höhere. Der Film ist mithin protofaschistisch.

Damals waren die meisten wohl zu verwirrt, um das zu begreifen. Jedenfalls haben ihm die falschen Leute applaudiert, wie man an der Liste der Auszeichnungen und Nominierungen sehen kann. Oder sie wähnten sich auf der anderen Seite, der Seite derer, die "die Macht besäßen, es richtig zu stellen". Aber sie wußten nicht, was und wie es richtig zu stellen sei, sie wissen es immer noch nicht. Vielleicht waren sie auch erotisiert von dieser Veranschaulichung der Oben-Unten-Schichtung, die die Mörderbande durch Auslöschung des Ortes gibt. Dieses Phänomen der Erotisierung der Massen, von denen man eigentlich den Gebrauch des Verstandes erhofft hätte, ist in der Geschichte des Faschismus häufig bezeugt. Der Provinzphilosoph Tom (Paul Bettany) repräsentiert im Film die auf diese Weise Umnachteten. Er lobt die Veranschaulichung in den höchsten Tönen, ist besinnungslos geil und würde gern mitmachen, wird aber von Grace voller melancholischem Abscheu eigenhändig erschossen, was die Veranschaulichung abrundet. Auch von dieser Art der Ablehnung williger Bewerber hat man schon mehrfach gehört.

Kein Wunder, daß Anders Breivik diesen Film mag. Und was hat er getan? Die Veranschaulichung umgekehrt und gezeigt, wie er sich faschistischen Furor des philosophischen Provinzlers (besser: Weltprovinzlers) gegen die urbane Elite vorstellt. Richard Millet hat es in seiner "Éloge litteraire" analysiert. Seit Breivik dem Film seine eigene Auslegung ("Illustration" heißt der Vorgang im Film selbst, in der deutschen Fassung viel präziser "Veranschaulichung") gegeben hat, ist es still geworden um Dogville. Gar von Trier selbst ist zurückgewichen, als ihm derart intensiv veranschaulicht wurde, wie man seinen Film weiterdenken kann, aber er ist ohnehin ein notorischer Von-sich-selbst-Distanzierer.

Die Zeiten sind andere geworden in den nur 15 Jahren seit Dogville 2003 erschien. Die Weltläufte sind ins Rutschen geraten, nicht weniger als das letzte Mal vor hundert Jahren. Die Gesellschaft der Guten und Gerechten, deren Bestes eben auch nicht gut genug ist, hat begonnen, jene ernsthaft zu fürchten, die die Konsequenz erneut veranschaulichen könnten, schwingt sich ihrerseits zu verschärfter Aggressivität auf und zettelt eine Kulturrevolution an. Faschisten aller Couleur gehen aufeinander los, so muß wohl das Fazit lauten. Da findet sich Links gegen Rechts, Rechts gegen Links, Somewheres (dumpfe Nationalkonservative aus Flyover-Country) gegen Anywheres (globalsozialistische Scheinelite) und umgekehrt. Es müssen also nicht einmal Kulturkreise sein, die aufeinanderprallen, unsere Zivilisation ist der globalisierten Welt nicht mehr gewachsen und hat sich sich selbst entfremdet. In Wahrheit will niemand mehr diese Welt zu einer besseren machen. Wenn bei diesen Auseinandersetzungen überhaupt Ideologien eine Rolle spielen, dann nur als Ausdruck von Lebenswirklichkeiten, politischen und wirtschaftlichen Interessen. Das Sein bestimmt das Bewußtsein.

 


Die verweigerte Rezeption eines ruhestörenden Films

Von Thomas Bez am 14.01.2018

Darren Aronofskys "Mother!" über die Zerstörung unserer kulturellen Identität

Eine kürzere Fassung dieses Artikels wurde am 24.1.2018 auf Sezession im Netz veröffentlicht <https://sezession.de/58136/darren-aronofskys-mother-ueber-die-zerstoerung-unserer-kulturellen-identitaet>.

Das Haus ist gut bestellt und wunderschön, dank seiner Erbauerin (im Abspann und im Titel des Filmes "Mutter" genannt, gespielt von Jennifer Lawrence). Sie hat das Haus zwar geschaffen mit Handwerksgeschick, Fleiß, Bescheidenheit und Herzenswärme, Herr des Hauses ist aber ihr Gemahl (genannt "Er", Javier Bardem), ein gealterter narzißtischer Intellektueller, der seit einer Ewigkeit nichts Wertvolles oder Schönes mehr zustande gebracht hat. Als Fremde vor der Tür stehen (Ed Harris und Michelle Pfeiffer, pikant böse!), die vorgeben, ihn anzuhimmeln, lädt er sie kurzerhand ein, für unbestimmte Zeit, möglicherweise sogar auf ewig in seinem Haus Quartier zu nehmen.

Die Leute sind aufdringlich, okkupieren das ganze Haus, werden unverschämt, bald auch gewalttätig. Als die Fremden sich an dem zu schaffen machen, was die Bewohner als Heiligtum des Hauses betrachten und dessen immense Wichtigkeit wir erst zum Ende des Films erfahren werden, kann sich der Herr sogar damit arrangieren und begnügt sich, seinen eigenen Sicherheitsbereich zu vernageln, der künftig als einziger Ort von den Fremden tatsächlich respektiert wird.

Fürs erste haben diese aber untereinander alte Rechnungen zu begleichen, Bruder erschlägt Bruder. Schon für die Trauerfeier läßt der Hausherr zur Familie die erweiterte Großfamilie nachziehen, die meint, nun zusammenzugehören, und außerdem versichert, nirgendwo anders hinzukönnen. Die Feier eskaliert und der Mutter gelingt es, die ganze Sippe hinauszuwerfen, bevor es in völliger Zerstörung des Hauses endet.

Dann herrscht brüchige Harmonie im Hause und der Herr schreibt aus den Erfahrungen seiner eigenen Menschenfreundlichkeit heraus ein rührseliges Buch über Erbauen, Teilen und Gastfreundschaft und vermag sogar ein Kind zu zeugen. Der Herr schwelgt in seinem Glück, etwas Gutes getan und die richtigen Worte gefunden zu haben darüber zu reden. Das Buch wird reißend aufgenommen, die Kunde über das für jeden offene Haus verbreitet sich, und nun ist es nicht mehr eine Familie, die kommt, sondern Heerscharen, um ihm zu huldigen. Die Ankömmlinge versichern, bald wieder zu verschwinden, doch das tun sie nicht. Sie überrennen das Haus, das in kürzester Zeit völlig zerstört wird. Polizei kommt vorbei, versucht gar den Besitzern des Hauses zu helfen, doch wird vom Mob kurzerhand liquidiert.

Derweil giert der Herr nach dem Neugeborenen und luchst es der erschöpften Mutter ab, um auch dieses noch als sein höchstes Gut buchstäblich an die Eindringlinge zu verteilen. Die Mutter überschreitet darauf alle ihr eingegebenen Grenzen und brennt das Haus mit allem und allen darin nieder.


*     *     *

Was ist an diesem Film nicht zu verstehen? Aber Heerscharen von Rezipienten und Rezensenten schleichen um ihn herum und versuchen, den Elefanten im Raum nicht zu sehen.

Wir lasen einen irritierenden Bericht des Salonbolschewisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Dietmar Dath, aus Venedig, in der er eine Reihe übler Beschimpfungen des Regisseurs vom Stapel läßt: "Was war das denn für ein Dreck", "Aronofskys aktuelle Schande", "einer der lästigsten Filmemacher unserer Zeit". Es heißt dort abschließend: "Aronofsky wird nie begreifen, wie man die Leute im Saal mit Kinomitteln in eine Geschichte zieht, aus der sie auch nach dem Ende des Films nicht herausfinden werden, weil die Räume dieser Geschichte sich an ihre eigene Seelenarchitektur anschließen." Nun, zumindest letzteres ist gut gesagt, und wir bekennen, daß es uns nach diesem Film gerade so ergeht. Dath, einer der lästigsten Feuilletonschreiber Deutschlands, gibt vor, Aronofskys Kinomittel nicht anerkennen zu können, weil Hitchcock, Polanski und andere es schon so ähnlich gemacht hätten. Cineastisch gebildet, der Mann, aber Quark. Wir möchten unterstellen, daß das Publikum in Venedig mehrheitlich linksliberal gesinnt ist, und wir unterstellen weiter, daß dieses Publikum die Aktualität der Geschichte durchaus erkannt hat, auch und gerade der Teil, der "Buh" gerufen hat. Jeder könnte sich selbst in einer der Figuren verorten, wenn er in den vorgehaltenen Spiegel sehen wollte.


By HartemLijn - Own work, CC BY-SA 4.0,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63113641

Aronofsky formuliert die Verwerfungen der heutigen Zeit als Allegorie. Eine Allegorie benennt nicht beim Klarnamen, worum es ihr geht. Auch in einer von Benennungsverboten verstellten Geisteswelt darf der Künstler in Allegorien sprechen. Der Leser, der Zuschauer kann leichthin leugnen, sie verstanden zu haben. Und so winden sich Interpreten dieses Filmes mit Auslegungen wie, er sei eine Nacherzählung des Buches Genesis: Gott, Adam und Eva, Kain und Abel; Jennifer Lawrence ist... weiß nicht so genau, die Erde oder so. Das ist albern, aber ein bequemes Schubfach für einen unbequemen Film. Möglicherweise ist das auch die Auslegung, mit der Aronofsky das Studio herumgekriegt hat. Der ist für einen Oscar gut, werden sie sich gedacht haben, und die Geschichte kann er irgendwie erklären. Zwei Drittel des Films passen aber nicht in diese Schublade. Wenn jemand bei Paramount den Film beim Lesen verstanden hätte, hätten sie ihn nicht produziert, denn politisch unkorrekte Themen fürchten die Produzenten heute wie der Teufel das Weihwasser. Und das Gute am Nichtverstehenmüssen von Allegorien ist auch, daß jeder den Film zeigen und über seinen Inhalt sprechen kann ohne damit das Volk zu verhetzen. Allegorisch darf man sogar das Verfüttern des eigenen Nachwuchses abbilden und auf das Alte Testament kann man sich bei jeder Scheußlichkeit berufen. Freilich – wäre der Wahrheitsminister mit der Weiterentwicklung des Rechts schon so weit gekommen, daß die Behörde Hollywoodfilme verbieten könnte, würde sie das in diesem Fall vermutlich tun. So herrscht aber jetzt so viel Verleugnung, um die Peinlichkeit schnell wieder loszuwerden, wie bei einem in Venedig gezeigten Aronofsky nur möglich ist.

Rufen wir das Zentralorgan der Guten und Gerechten als Zeugen auf. Der Kritiker der NY Times ("'Mother!' is a Divine Comedy <https://www.nytimes.com/2017/09/13/movies/mother-review-jennifer-lawrence-darren-aronofsky.html>") läßt Sympathie durchscheinen: "Don't listen to anyone who natters on about how intense or disturbing it is, it's a hoot!" Aber über dieses Lob hinaus produziert er den üblichen Nebel: "highly symbolic" und so weiter. Mit dem Trick, etwas eine Göttliche Komödie zu nennen, kann man sich schon seit 700 Jahren aus der Affaire ziehen. "At a certain point – it will vary according to your Sunday school attendance – you will find yourself in possession of the key to the analogical storage room where the Real Meaning resides." More sophisticated kann man wohl nicht sein beim Navigieren um die Real Meaning herum. Die unter der Überschrift "Hating 'Mother!' <https://www.nytimes.com/2017/09/20/movies/mother-film-readers-hate.html>" veröffentlichten Facebook-Kommentare sind von bezaubernder Einfalt, genau so wie Betroffenheitslyrik aus der liberalen New Yorker Gosse sein muß. Das Vorhandensein einer religiöser Dimension hat die Schar wenigstens erfaßt.

Aronofsky selbst legt noch eine falsche Spur dazu. Die NY Times zitiert unter dem Titel "Making 'Mother!' <https://www.nytimes.com/2017/09/19/movies/jennifer-lawrence-darren-aronofsky-mother-explained.html>" die Erklärung, die er dem braven, empörten Publikum anheim geben möchte: "It is meant to be a parable about climate change and environmental destruction." Aber von Klimawandel ist nun wirklich gar nicht die Rede in diesem Film. Umweltzerstörung und die Verteidigung der Schöpfung waren bereits Thema seines Vorläuferfilms "Noah". Die Schöpfung retten will heute jeder, das ist nicht mehr als ein Gemeinplatz. "Noah" ist konsensfähig in alle Schichten unserer abendländischen Gesellschaften hinein.

An "Mother!" hingegen scheiden sich die Geister. Wo es um Kultur geht, wird der Kernbereich des Dissenses in den postaufgeklärten westlichen Gesellschaften unserer Tage enthüllt. Nicht einmal die Kategorien Rasse, Religion, Nation oder Weltanschauung haben die Wirkmacht der gewachsenen Kultur, und entlang kultureller Leitlinien muß differenziert werden zwischen dem Unseren und dem Feindlichen. Diese Fähigkeit zur Unterscheidung besitzen die "dominierenden Minderheiten", deren Wirken Toynbee bei jedem Untergang einer Kultur diagnostiziert, eben nicht mehr. Um ihn, den Herren, "Er" genannt, geht es nämlich eigentlich in diesem Film und nicht um die Mutter oder die Fremdlinge. Kulturen werden aus ihrem Innern heraus zerstört ("sterben durch Selbstmord", wie es oft verkürzt zitiert wird), und er ist der Vollstrecker, der seine eigene Welt in die Vernichtung treiben muß. Ohne Bedenken, ohne Trauer, ohne Reue, getrieben von Hochmut und Wollust.

Das verstörende Plakat zum Film findet seine Erklärung in der mystischen Schlußsequenz des Filmes, wenn der Herr, der der Katastrophe unverletzt entstiegen ist, der sterbenden Erbauerin das Herz herausreißt. In diesem wohnen noch immer ihr Fleiß, ihre Hingabe und ihre Liebe. Wir sehen sie aus diesen Attributen der Lebenskraft wiedergeboren werden, um das Haus erneut aufzubauen. Ein Ende ohne Trost, denn wir kennen den irren Kreislauf, der damit erneut beginnt. Geschichte wiederholt sich, meint Aronofsky.


*     *     *

Gut, daß Sie bis hierher gekommen sind. Hätten Sie nur aus der Qualitätspresse von diesem Film erfahren, hätten Sie ihn sich womöglich nie angesehen. Sie hätten etwas Wichtiges verpaßt.

 


Dümmliche Vorher-Nachher-Vergleiche

Von Thomas Bez am 21.10.2017

FAZ.NET: Durch die Zeit <http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/der-osten-damals-und-heute-durch-die-zeit-15252051.html>

Die Berliner Mauer war gerade gefallen, da zog Matthias Lüdecke mit einer alten Kamera durch den Osten Deutschlands. Nun war der Fotograf wieder dort – mit dem Handy.

Vorher die vermüllte Wohnung des Messies, dann kommt die Supernanny und räumt auf, das Publikum strahlt vor Glück, der Messie bedankt sich artig und ist immer noch ein Messie. Diese Vergleiche bewegen sich auf RTL-Niveau und die daraus gezogenen Schlußfolgerungen meistenteils auch. Wir sehen verrottete Ecken im Prenzlberg nach 25 Jahren in genauso seelenlose neuverputzte gewandelt, ergänzt um die nun gesamtdeutsche Poller-Standardausstattung. Das HO-Zentralhotel im Provinznest ist einer Pflaster-Schotter-Brache gewichen, genau so wohnlich. Der Subtext dazu lautet immer: Die im Osten könnten sich ruhig etwas dankbarer zeigen dafür, daß wir sie vom Sozialismus befreit haben und daß sie jetzt elektrisch Licht haben.

Der Messie aus dem Osten hat die AFD auf 5% gebracht, der Wessie hat die fehlenden 8% ergänzt. Die Unterstützung für den heutigen Fast-all-Parteien-Sozialismus mit Globalisierungshintergrund ist kaum größer als jene damals für den zusammenbrechenden staatsmonopolistischen Sozialismus. Vielleicht könnte eine Vorher-Nachher-Serie aus dem Westen verdeutlichen, was sich dort nicht verändert hat. Aber gelebtes Leben käme auch dortdrin nicht vor.

 


Traumziel Renationalisierung und neue Bündnisse

Von Thomas Bez am 19.10.2017

FAZ.NET: Die EU und ihr hohes Ross <http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/brexit-verhandlungen-die-eu-muss-auf-london-zugehen-15252881.html>

Bei einem „harten“ Brexit verlieren alle – deshalb sollte das starke Brüssel auf das geschwächte London zugehen. Nur so lässt sich ein Showdown im Herbst vermeiden.

Eines werden die EU-europäischen Betonköpfe, die alles tun, um das Erreichen des Verhandlungsziels zu torpedieren, vielleicht erreichen: Der Zerlegung der multipolaren Welt in handliche Stücke viel mehr Vorschub zu leisten, als sie sich vorstellt. Das alte Kontinentaleuropa in der Mitte zwischen einem atlantischen und einem eurasischen Block, das ist doch fein. Das gibt Gelegenheit zur Rückbesinnung auf wahre europäische Werte und Stärken und kann Ausgangspunkt für bilaterale Abkommen auf der Ebene der Nationalstaaten werden. Deutschland wird in der Nach-Merkel-Ära, also nicht gleich, aber Äonen werden es auch nicht mehr sein bis dahin, vielleicht wieder zu Verstand kommen und eines der Länder in einer ansonsten weit heruntergewirtschafteten EU sein, die für bilaterale Beziehungen etwas in die Waagschale zu werfen haben. Und wenn wir an anderer Stelle lesen, 260 Pfund pro Haushalt Mehrkosten: das ist ja billiger als unsere Energiewende. Ein Dexit wäre uns doch da sehr recht.

 


"Als dann die Mauer fiel und ich zum Demokratischen Aufbruch ging..."

Von Thomas Bez am 11.09.2017

Merkels Mut

FAZ.NET am 10.9.2017: Die Kanzlerin im Gespräch : Wir brauchen Mut <http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/angela-merkel-im-interview-wir-brauchen-mut-15191126.html>

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel über den Kampf gegen Hass und Feigheit. Sie beschreibt, wie wichtig dabei Sprache ist. Und was Europa gewinnen kann.


Christoph Braun derivative work
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In der DDR mit meiner Arbeit in der theoretischen physikalischen Chemie habe ich nur sehr wenige Menschen getroffen. Eigentlich nur in der Freizeit, sonst nur die Kollegen. Den wesentlichen Teil des Tages habe ich damals schweigend und denkend verbracht. Als dann die Mauer fiel und ich zum Demokratischen Aufbruch ging, merkte ich, wie gerne ich mit anderen Menschen spreche.

Gar nicht mag ich, wenn Menschen sich nicht trauen, einem etwas ins Gesicht zu sagen, sondern hintenherum reden.

Da spricht sie, die mutige Funktionärin, die die Zeiten, da man wirklich Mut gebraucht hätte, denkend und schweigend verbrachte und kaum Menschen, sondern nur ein paar Kollegen traf. Das "Mädchen", das sich unter die Fittiche Kohls vorarbeitete, und ihm dann im rechten Moment mithilfe dieser Zeitung mutig das Messer in den Rücken stieß. (Dies natürlich nur metaphorisch gemeint, Kohl hat ja noch fast zwei Jahrzehnte überlebt.) Das ist in ihren Augen natürlich nicht "hintenherum".

Wir müssen um Verzeihung bitten, wir schreiben diese kleine Wortmeldung nach der Lektüre nur einer von sieben Seiten auf FAZ.NET, aber mehr lesen wir von Merkel-Interviews eh nie. Mutig finden wir immerhin, hier das Kommentieren zu erlauben, und die Kommentare, die wir vollständig genossen haben, zeigen uns, daß die Kanzlerin hier wohl nicht viele Anhänger hat. Wer, um Himmels willen, wählt sie dann, wenn es die Leser dieser Zeitung nicht sind?

 


Der marodierenden Mob, der jede zivilisatorische Selbstkontrolle verloren hat

Von Thomas Bez am 10.07.2017

FAZ.NET: Faschistoider Gewaltrausch <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/tv-kritik-anne-will-faschistoider-gewaltrausch-15099220.html>

Anne Will unterbricht ihre Sommerpause, um über den G-20-Gipfel und die eskalierte Gewalt zu diskutieren. Die Sendung verlief anders als gedacht. Da passte die zehnminütige Unterbrechung der Live-Übertragung durchaus ins Bild.

Man kann den Niedergang des Staatswesens dieser so gegenwärtig real existierenden Bundesrepublik Deutschland nicht verstehen, wenn man sich nicht vor Augen hält, daß der linke Mainstream und die Grünen, die diese Republik ideologisch unterwandert haben, aus dem selben Holz sind wie dieser marodierende Mob, wenn man sie nicht gar Teil dieses Mobs nennen muß, sind sie doch das Spiegelbild deren fundamentaler Negation bürgerlichen Anstands und republikanisch-demokratischer Werte. Zur Kategorie des Verlusts der zivilisatorischen Selbstkontrolle würden wir nicht minder zählen: eine gegen konservatives Gedankengut hetzende Medienmeute, konfettiwerfende Parlamentsverkasperer, die Meinungsfreiheit aushebelnde Schreckensjuristen, grundgesetzverachtende Spitzenkader. All deren Tun wirkt noch weitaus zerstörerischer als das der steinewerfenden Fraktion auf die Existenzgrundlagen unseres Gemeinwesens.

 


Ins Kinderhirn gestanzt

Von Thomas Bez am 29.06.2017

FAZ.NET: Manuela heißt jetzt Felix <http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/so-outete-sich-ein-trans-erzieher-vor-den-kindern-15081531.html>

Eine Erzieherin outet sich als Transmann und heißt jetzt Felix. Die Kinder haben damit kein Problem. Bei manchen Eltern sieht die Sache anders aus.


Hieronymus Bosch, Das Steinschneiden (Ausschnitt)
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Gewiß, Frau Meyer hat alles richtig gemacht. Sie hat mit den betroffenen Stellen und den Eltern gesprochen. Die betroffenen Stellen und die Eltern haben es allerdings falsch gemacht. Zwar sind wir durchaus bereit, sie künftig als Herrn Meyer anzusehen. Aber wenn auch die betroffenen Stellen Frau Meyer als Herrn Meyer im gleichen Job dulden wollten, würden wir, wären wir Vater eines dieser Kinder, nicht hinnehmen, daß Herr Meyer die Botschaft "Alles geht - such dir aus, was du sein willst" ins Hirn unseres Kindes stanzt. Wir würden unser Kind nicht einmal in einen Kindergarten lassen, wo wir befürchten müßten, daß ein gesundes Wertesystem des Kindes mit Teddy-/Tilly-Geschichten unterwandert würde. Der Skandal ist, daß die Massen derart gleichgültig sind, welcher Art von Propaganda ihre Kinder unter der Obhut des staatlichen Bildungssystems ausgesetzt sind. Diese Desorientierung wird weit schlimmere gesellschaftliche Folgen haben als die politische Indoktrination seinerzeit in der DDR.

 


Der Treck nach Norden (2)

Von Thomas Bez am 18.06.2017


Acht Monate nach dem ersten Transport </weblog/1476819280:0.html> sind wir nun endgültig auf unserer Insel angekommen. Diese Woche fuhren die Lastzüge mit allem Hausrat.

Dazwischen liegen unsere Planung des Sanierungsprojekts über die Wintermonate, die Auswahl lokaler Handwerksfirmen, die Arbeiten der Gewerke seit März an Haus und Infrastruktur sowie etliche Verbesserungen im Außenbereich.

Wir konnten nach einem rauhen Frühjahr den Beginn unseres ersten Sommers hier genießen. Auch mit zeitgemäßer Heizung (vor zwei Wochen wurde der Flüssiggastank in die Erde versenkt) verläuft das Leben hier enger entlang den Jahreszeiten.

Die Abende hier sind still und die Nächte dunkel. Wir sehen die silbernen Streifen der Flugzeuge in 10.000 Metern Höhe: von Hongkong nach London, von Frankfurt nach Tokio. Und heiteren Sinnes können wir bemerken, daß uns diese Orte nichts mehr angehen, gerade so wie Berlin, die Stadt, das Irrenhaus. Auch viele Nachrichten des Tages sind hier nicht relevant, verlieren sich gar im Bereich des Irrealen, und wir fragen uns, was davon wir überhaupt zur Kenntnis nehmen sollen.

Wenn es ein richtiges Leben im falschen gibt, ist hier ein Ort dafür.

 

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Seine Feinde erkennen und gesellschaftlichen Konsens erreichen

Von Thomas Bez am 05.06.2017

FAZ.NET: Saat der Angst <http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/mathias-mueller-von-blumencron-15047128.html>

Wie immun ist die westliche Gesellschaft gegen den Terror der radikalen Islamisten? Was geschehen muss, damit die Saat nicht aufgeht.

Unseren westeropäischen liberalen Gesellschaften sind die natürlichen Reflexe, den Feind als Feind zu erkennen, abhanden gekommen und damit die Fähigkeit, sich ihrer Feinde zu erwehren. Es ist irrelevant, ob man die Feindschaft aus den Lehren eines konsequent zuende gedachten irregeleiteten Islam folgert oder sie als Ausdruck eines noch fundamentaleren Kampfes der Kulturen, jenseits religiöser Verortung, sieht. Diese intellektuelle Operation vollziehen unsere Gesellschaften nicht, sondern sie ergehen sich mehrheitlich (je urbaner, desto schlimmer) im Konsum der Wonnen einer außer Kontrolle geratenen Globalisierung, die wir Westeuropäer erfunden haben, die sich aber längst gegen uns selbst gewendet hat. Not täte eine sanktionsbewehrte und von breitem gesellschaftlichen Konsens getragene Unterscheidung nach assimilationswilligen und -fähigen Fremden und solchen, die niemals Teil unserer Gesellschaften werden. Solange wir solchen Konsens nicht erreichen, haben wir noch weiter zu leiden.