Dreimal 30 Jahre

Von Thomas Bez
12.04.2019 09:20 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Die Zahl 30 ist ein Mythos. 30 Jahre nennt man ein Menschenalter, die Frist ist lang genug, um für sich genommen ein ganzes Leben zu sein. Das Leben währet aber siebzig Jahre und wenn es hochkommt, sind es inzwischen sogar neunzig Jahre. Wer auf sich achtet, kann den Turnus bis zu dreimal in seinem Leben durchlaufen, und wer im Geiste jung geblieben ist, kann aus jedem 30sten Jahr einen Paradigmenwechsel machen. Die 30 ist eine Zahl wahrhaft nach menschlichem Maß.

Das erste 30-jährige Trimester unseres Lebens lebten wir rechts von einer Mauer in einem kleinen, albernen, ernsthaften Land und bereiteten uns auf das vor, was wir von der Welt erwarten konnten. Das kam in jenem zweiten Drittel unseres Lebens, das uns ordentlich in der Welt herumführte und uns ein nicht zu bemängelndes Auskommen bescherte. So lange, bis wir nach weiteren knapp 30 Jahren aus unserer Resignation über die erschlaffte globalisierte Welt die Konsequenz zogen und uns ins Privatleben zurückzogen.

Kürzlich fand die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz statt, und diesmal war die Stimmung anders als in all den Jahren zuvor. Diesmal störte nicht nur der russiche Außenseiter mit einer Ansage. Zu unserer Überraschung hörten wir bittere Worte des Veranstalters, daß auf der internationalen Bühne nicht mehr wie gewohnt miteinander gesprochen wird. Sozusagen das vormals übliche Protokoll der Feindseligkeit durch eine unprotokollarische Feindseligkeit abgelöst wurde. Die globale Sicherheit sei heute so gefährdet wie seit 30 Jahren nicht mehr. Was wir schon länger wissen konnten, haben wir nun sozusagen amtlich: Die Welt ist aus den Fugen.

Wir haben das Jahr 2019 und Mitte des Jahres wird das große Plappern und Schulterklopfen all derjenigen beginnen, die von der Nachverwertung der Revolution vor 30 Jahren leben. Und da wir schon wieder den einen oder anderen Afterwissenschaftler hören, der sich ein Zubrot mit einem Referat über die Mauer in den Köpfen verdient, wollen wir ein wenig über eine neue reale Mauer spekulieren, deren Errichtung noch vor Frist der nächsten 30 Jahre Europa erneut teilen könnte.

I.

So eine friedliche Revolution ist eine feine Sache, besonders weil sie Investoren nicht verschreckt. Die Nation hätte sich zu einer ganz anderen entwickelt als der, mit der wir es heute zu tun haben, wäre es damals zur Eskalation zwischen Staatsmacht und Straße gekommen. Einerseits wäre das ein längerer Weg zur von vielen ersehnten Einheit geworden, andererseits hätte Deutschland heute eine Verfassung. Jetzt kommt östliches Selbstbewußtsein 30 Jahre zu spät.

Die Revolution geschah am 4. November 1989 in Berlin. Dies war der Tag, da die Staatsmacht in sich zusammensackte. Für die, die nicht dabei waren oder die sich nicht mehr erinnern können: Es waren Dichter und Schauspieler, die diese Demonstration initiiert hatten und dort (ironischerweise sekundiert durch einen Geheimdienstchef) sprachen. Wahrlich eine zutiefst romantische Revolution, ein wenig 19tes Jahrhundert vor den Toren des 21sten.

Am Mittag war jedem klar, daß danach nichts mehr bleiben würde, wie es war. Der 9. November und der 3. Oktober waren nur noch der vulgäre Abgesang auf diese Revolution, die Wegmarken ihres überschnellen Scheiterns, ihr Abrutschen in die Farce. Die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn hatten das Glück, es nicht so leicht zu haben wie die Ostdeutschen. Sie mußten ihren Weg aus dem Ostblock selbst finden. Das war weniger Sicherheit, mehr Arbeit, woraus immer mehr Freiheit entsteht. Heute gehören ihre Länder noch immer ihnen, als Grund und Boden wie politisch.

Uns ging der unwürdige Beitritt nichts mehr an. Am 4. November hatten wir auf dem Alexanderplatz gestanden. Am 9. November verließen wir unsere Arbeit wie immer spät, sahen daheim noch ein paar Fernsehbilder. Dann suchten wir unsere persönliche Freiheit und wandten uns für die nächsten beinahe 20 Jahre wieder ausschließlich unserer beruflichen Karriere in der freien Wirtschaft und unseren privaten Bildungsinteressen zu. Und unsere heutige Machthaberin begann ihre politische Laufbahn mit ihrem flinken Beitritt zum Demokratischen Aufbruch.

Wir hatten nur wenig zuvor die übliche 19-jährige Ausbildungszeit aus Schule, Militärdienst und Studium hinter uns gebracht. Zu jener Zeit und in jenem Land galt es noch als ehrenvoll, ein MINT-Fach zu studieren. Aber damals konnte auch noch lesen, schreiben und rechnen, wer sich immatrikulierte. Der Bedarf an geisteswissenschaftlichen Staatskarrieristen, die der Gesellschaft auf der Tasche liegen, war noch nicht so hoch wie heute. Wir hatten allerdings auch schon mit zehn Jahren ein klares Ziel, was wir tun wollten. (Wir hören, daß es heute viele mit dreißig immer noch nicht wissen. Erwachsen zu werden hat der Städter in diesem Land nicht mehr nötig.) Wir waren befreit von etlichen Konformitätszwängen, wußten, was wir erreichen wollten, und dafür war es irrelevant, ob die Deutschen denn nun ein Volk oder derer zwei seien. Aus der absehbar untergehenden Akademie der Wissenschaften planten wir mit einigen Gleichgesinnten die Ausgründung eines Softwareunternehmens und hatten uns die Mitarbeiter ausgewählt, die wir uns wünschten. Dann kamen die großen Telekommunikationsfirmen mit teils extra neugegründeten Entwicklungszentren und einem praktisch pauschalen Stellenangebot. Pläne versanken in einem Strom des Geldes, die Gefolgschaft löste sich augenblicklich auf und das Unternehmenskonzept war gescheitert. Wir konnten uns dann nur noch selbst das beste Angebot aussuchen.

Wir wollen uns keineswegs über die rundum abgesicherte Beschäftigung, angestellt in einem Konzern, basierend auf einem Vertrag, wie er in den 1990er Jahren noch üblich war, beschweren. Von denen, die heute in eine qualifizierte Tätigkeit starten wollen, finden nur noch wenige solche Bedingungen vor. Diese Beschäftigungsweise ist allerdings auch viel zu komfortabel, um gut zu sein für einen jungen Menschen. Es dauerte für uns noch mehr als 15 Jahre, bevor wir uns endlich den nächsten Absprung in die Selbständigkeit machten und noch sehr lukrative zehn Jahre auf eigene Rechnung arbeiteten.

II.

Vorerst arbeiteten wir in Berlin, München, Leipzig als Landsknecht der Globalisierung, die aber für die Firma insgesamt eine eher mißlungene Globalisierung werden sollte. Wir bereisten für unseren Beruf die Welt. Wir waren in Taiwan und lernten, daß Taiwanesen ihre liberal-demokratische Eigenstaatlichkeit mitnichten übermäßig hoch schätzen. Ihr kultureller Bezug zu "Mainland China" rangiert höher und das Mutterland ist eine Art Sehnsuchtsort, von dem sie sich abgeschnitten fühlen. In Amerika haben wir gelernt, daß ein Chinese in erster Linie ein Chinese und loyal zu China ist, wo auch immer in der westlichen Welt er studiert oder arbeitet. Blut ist eben doch dicker als Wasser, jedenfalls in einer Kultur, deren Bindekräfte stark genug sind, ihr Volk über Jahrtausende zusammenzuhalten.

In Vietnam haben wir gesehen, welche Schaffenskraft ein Volk hat, das diszipliniert ist und gewohnt, für sich selbst zu sorgen. Wir können gar nicht genug das Lob der nichtislamischen asiatischen Nationen singen. Das Gegenmodell haben wir in Malaysia gesehen, wo die Wertschöpfung in den Händen der chinesischen Minderheit liegt und die Drecksarbeit die Inder machen.

In Amerika haben wir gesehen, wie die Deplorables leben in Flyover-Country, das schon eine Autostunde weg von den Metropolen beginnt und wo die Leute heute sicherlich Trump wählen. Kaum etwas anderes hätte uns so versöhnen können mit dem eigentlich geringgeschätzten Amerika wie diese Tafel vor einem Waldgebiet am Rande des Olympic National Park: "Forest plantation first harvest 1930. Second harvest 1984. Next harvest 2036. Jobs grow with trees." Dort, am Ende der Welt, war plötzlich ein Jahrhundert wie ein Tag. Hingegen wird uns die Stadt Seattle auf ewig vergeßlich bleiben.

In Australien haben wir Freiheit gespürt, wie sie aus der unermeßlichen Weite des Landes entsteht. In Südafrika sind wir 1998, zehn Jahre nach Ende der Apartheid, zwischen Pretoria und dem Krüger-Nationalpark herumgefahren als Weißer in einem Mittelklasse-Ford auf einer Tour, die schon damals weiße Einheimische die Augenbrauen hochziehen ließ und die heute nach 20 Jahren weiterer Fortschritte im Land lebensgefährlich wäre.

Auf vier Reisen nach Saudiarabien in den Jahren 2000 bis 2003 haben wir die Absurditäten der arabisch-islamischen Welt in konzentrierter Form besichtigen können.

Während wir außerhalb Europas nur geschäftlich unterwegs waren, bereisten wir Europa sowohl beruflich als auch privat. Vor unserer ersten Urlaubsreise nach Frankreich nutzen wir die Gelegenheit, in einem mehrwöchigen Kurs Französisch zu lernen. Die Kenntnis der Sprache sollte uns im späteren Leben noch außerordentlich nützlich werden. Wir waren viel unterwegs in Paris und im wahren Frankreich. Eine der privaten Reisen galten der Besichtigung der gotischen Kathedralen um und in Paris. (Erwin Panofskys "Gotische Architektur und Scholastik" war uns eine sicher etwas ungewöhnliche Inspiration für diese Reise.) Abschluß und Höhepunkt sollte Saint-Denis sein, die wichtigste und schönste Kathedrale des Abendlandes. Als wir die schockierende Umgebung sahen, zu der die pariser Vorstadt Saint-Denis geworden war, begannen wir zu verstehen, daß Frankreich über kurz oder lang verloren sein würde. Das war vor 20 Jahren; seitdem haben wir den Gürtel um Paris gemieden.

Wir werden Lissabon, wo wir öfter waren und das wir sehr lieben, immer als die europäischste Stadt in Erinnerung behalten, die wir je gesehen haben. Lissabon strahlte jedenfalls vor zehn Jahren noch immer den Glanz des überlieferten Europa aus, aber wir glauben nicht, daß dieser Glanz erhalten bleiben wird. Vielleicht ist er mittlerweile schon perdu.

Reisen bildet. Wo andere sich mit einem Vorurteil begnügen müssen, zum Beispiel weil sie es nur nach London-Paris-Amsterdam oder an den Strand von Bali schaffen, steht uns ein Urteil zur Verfügung. Wir können sehr wohl zwischen dem Wert der verschiedenen Kulturen differenzieren. Wir haben Kulturen gesehen, die ihr Volk über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende getragen haben und denen die Zeitläufte anscheinend nichts anhaben können, die sich vielmehr immer wieder aus eigener Kraft erneuern, hermetische Kulturen, die im Bewußtsein ihres Selbst alles Fremde als zweitklassig betrachten. Wir haben Zivilisationen gesehen, deren kollektives Gedächtnis nie mehr als sechs Generationen zurückgereicht hat. Wir haben unsere eigene Kultur studieren können, wie sie in verschiedene Völker hineingewachsen ist, die einst schwindelnde intellektuelle, ästhetische, innovative Höhen erreicht hat, ihre Peripetie in der fatalen Revolution vor 200 und einigen Jahren gefunden hat und sich seither von einem -ismus zum nächsten ihrer Selbstauslöschung entgegenwindet.

Wir haben schließlich Kulturen gesehen, die sich nur aus Hemmnissen ihrer selbst zusammensetzen, es niemals geschafft haben, einen Beitrag zur eigenen Fortentwicklung aus sich selbst zu schöpfen und der Welt einzig eine aggressive politische Religion zu bieten haben. Und Kulturen, deren Welthorizonte nicht über ihr das jeweilige Stammesgebiet oder den Herrschaftsbereich ihres jeweils aktuellen Warlords hinausreichen, die noch nach Jahrzehntausenden der Evolution in vorhistorischer Agonie feststecken. Die Gnade war uns zuteil, dies alles zu sehen auf unseren Reisen und zu verstehen. Und wer es verstanden hat, weiß, was über unsere erschöpfte, postmoderne, post-aufgeklärte, postheroische Alten Welt kommen wird.


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Das Reisen war nach den frühen 2000er Jahren nicht mehr vergleichbar mit dem zuvor. Den Charme des Reisens, dessen letzte Überbleibsel wir in den 1990ern noch erleben konnten, gibt es nicht mehr. Die letzten Reste von Freiheit im Reisen werden nach und nach beseitigt. Auf unserer letzten Reise nach England im Jahr 2015, die auch buchstäblich unsere letzte gewesen sein soll, haben wir vom Fliegen mit seinen entwürdigenden Prozeduren abgesehen und die Eisenbahn benutzt.

Die meisten unserer Länder konnten wir selbst fahrend erschließen. Die üblichen Sehenswürdigkeiten schätzen wir eher gering, aber wir erfassen und verstehen ein Land, wenn wir es auf uns selbst gestellt durchstreifen können. Taipei, Kuala Lumpur, Hongkong, Mumbai, wo uns das nicht möglich war, bleiben nur blaß in Erinnerung.

Wir haben das Gefühl, genug gesehen zu haben von der Welt. Wir sind über die Jahre des Reisens müde geworden. Auch ist die Welt mit der Globalisierung in den letzten 30 Jahren deutlich kleiner und flacher geworden, und gerade noch Mecklenburg scheint uns groß genug, um unseren Ansprüchen zu genügen. Allerdings fehlt uns Rußland. Wir sind zwar einige Male im Baltikum gewesen, zum Beispiel in Lettland im Frühjahr 1989, was dort eine sehr aufregende Zeit war. Aber leider nie in Rußland. Sogar die Sprache brächten wir schon mit. Aber wie viele Leben braucht es, um Rußland zu "er-fahren"?


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Wir verließen das Telekommunikationsunternehmen, als unser Unternehmensbereich in finnische und indische Hände geriet. Bei allem Respekt für Finnen und Inder wollten wir nicht fremden Herren dienen. Wir woben weiter mit an der Globalisierung weiter als Freiberufler in der Finanzindustrie, was uns jeweils für längere Zeit nach Paris, München und Frankfurt führte. Wir pendelten zwischen Berlin und Frankfurt, als die vorerst letzte Welle des Irrsinns begann, über die Deutschen zu rollen und das Land sich binnen kurzer Zeit von einem funktionalen Sumpf in einen dysfunktionalen verwandelte. Wir hatten reichlich Zeit, auf der Autobahn die Nachrichten zu verfolgen, kommentierten, was da geschah, in wilder Empörung zu Artikeln in der FAZ und anderen Medien und konnten einfach nicht glauben, was da geschah.

Bis dahin hatten wir zwanzig Jahre lang, von 1990 bis 2009, je nach Opportunität CDU und FDP gewählt und dürfen damit als wohlmeinende Stütze des alten Systems BRD gelten. Ein Fehler, den wir uns nicht verzeihen. Doch damals glaubten wir tatsächlich noch, daß es zum Links immer auch ein Rechts geben müßte, daß es konservative Parteien seien, die wir wählten, und daß unsere Wahlentscheidung der richtige Weg sei, sozialistische Ideologien von der Macht fernzuhalten. (Oder, wie er häufig genannt wird: den Kulturmarxismus, obgleich dieser mir Marxismus überhaupt nichts zu tun hat.)

Das böse Erwachen in den Jahren 2011 und 2012 kam mit dem voluntaristischen Ausstieg aus der Kernenergie ("Energiewende"), EFSF ("Rettungsschirm"), Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht und ESM (noch mehr Rettungsschirm). Und munter ging und geht es immer weiter: 2013 die neue große Koalition, 2015 die Freigabe des Landes für die Besiedlung durch die Unterschichten der dritten Welt, schließlich die Abschaffung individueller Mobilität in den nächsten 15 Jahren und die Aufgabe der letzten belastbaren Energiegewinnungsoption im gleichen Zeitraum. Dies alles unter der Herrschaft einer einzigen Kanzlerin. Wenn wir sie endlich los sind, werden zwei Drittel ihres Regnums ein einziger großer Potlach gewesen sein, von dem sich unser Land nie wieder erholen wird.

Wir halten andererseits auch nicht viel von der AFD. Der Flügel macht uns Freude, aber insgesamt ist die Partei viel zu angepaßt, insbesondere im Westen. Natürlich wählen wir sie, denn es gibt ja keine andere Opposition, und eine nicht abgegebene Stimme nützt dem Feind. Aber wer bei den Großen sitzen will, muß sich anpassen, und wer dem System nur den kleinen Finger reicht, hat schon verloren. Den treibt es bis zur völligen Erschöpfung vor sich her, denn dafür hat es die nötigen Ressourcen. Nur Fundamentalopposition hätte uns imponieren können. Die AFD ist nicht die Bewegung, die das System umwälzen wird. Sie möchte sich nur in der parlamentarischen Mitte etablieren, um so wie die Grünen heute in 30 Jahren selbst zu schmarotzen.

Revolutionen werden auf der Straße gemacht, nicht im Parlament. Im Parlament werden die Siege vollendet. Das hätte die AFD von den Nationalsozialisten, von der BRD-APO oder der halbvollendeten Revolution 1989 lernen können, wovon die letzten beiden Beispiele zeigen, daß das auch recht friedlich gehen kann. Doch so, wie sie jetzt agiert, wird die AFD nur ein weiterer Bestandteil des westlichen Systems sein, das orientierungslos, identitätsvergessen und unfähig, seine Feinde zu erkennen, an seinen inneren Widersprüchen zerbricht. Die AFD ist kompromißlerisch, war das bisher unter jeder Führung, ob Lucke, Petry oder Weidel. Jede Distanzierung ist ein Verrat. Der Staat ist sehr erfolgreich dabei, diese Partei zu zersetzen. Doch andere Parteien werden kommen.

Nie haben wir einen Verrat empfunden wie den der 2010er Jahre. Der Staat DDR war uns verhaßt, aber er hat uns nicht getäuscht. Er war frappierend genau, was er zu sein beabsichtigte und vorgab: die Diktatur des Proletariats in all ihrer Widerwärtigkeit und Berechenbarkeit. Was wir der DDR zugute halten können: sie suchte keinen Bruch mit unserer deutschen, europäischen, abendländischen Kultur. Sie suchte unter ideologischen Schmerzen Kontinuität. Sie war nicht religiös, aber auch nicht kommunistisch, sondern opportunistisch, sie war nicht russisch, sondern deutsch. So wie Polen polnisch blieb und Ungarn ungarisch.


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Was wäre, wenn? Hätte es 1989 nicht gegeben, nicht Gorbatschow, und wäre dieses kleine, alberne, ernsthafte Land irgendwie über die Runden gekommen: Wie ginge es uns dann heute? Wären wir mit unserer Frau verheiratet? Ja, das ist gewiß. Wären wir in der Welt herumgekommen? Auf jeden Fall. Wahrscheinlich wäre Amerika nicht dabei gewesen, aber dafür Rußland. Hätten wir ein gutes Auskommen gefunden? Ganz sicher. Den guten Start hatten wir schon absolviert. Uns standen alle Wege offen, für die wir unsere Seele nicht dem Staat hätten verkaufen müssen, und solche Wege gab es auch damals viele. Hätten wir Briards gezüchtet? Das ist recht wahrscheinlich. Unsere Reisen hätten uns vielleicht eher in die Tschechei und Ungarn geführt als nach Belgien und Holland. Würden wir heute in mecklenburger Abgeschiedenheit leben? Vermutlich hätten wir das schon eher geschafft, als es uns in diesem realen Leben gelungen ist, und wir hätten ein Haus weniger gebaut.

Was würde uns fehlen? Vielleicht würden wir glauben, daß uns mehr Wohlstand zustünde und wir weiter hätten herumkommen müssen und das tägliche Leben weniger mühevoll sein müßte. Aber solche Dinge glaubt man immer nur. Wären wir frei? Wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger, als wir es heute sind. Sind wir jemandem außer unseren Familien etwas schuldig? Nein, was wir sind, wir und unsere Frau, sind wir durch uns.


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Wir konnten in den vergangenen 30 Jahren den Prozeß einer umfassenden Enteignung westlicher Gesellschaften beobachten: von Bürgerrechten zugunsten sogenannter Menschenrechte, vom Recht, sich zu verteidigen, von Nation und Kultur. Aus Bürgern wurden einfach nur Menschen, aus Staatsbürgern Menschen, die schon länger hier sind, aus Volk wurde Bevölkerung, aus Bildung wurde Kompetenzvermittlung. Mit Jubel stürzen sich die Mehrheiten der autochthonen westlichen Gesellschaften in die Selbstveräußerung, Selbstentmannung, Selbstentleibung. Die neueste Mode ist, wie eine ekstatische Horde Flagellanten einer mental gestörten kindlichen Savonarola zu folgen. Einerseits möchten wir uns lustig machen über all diese Albernheiten, andererseits wissen wir, daß der Rückfall in den voraufgeklärten gesellschaftlichen Zustand der (west-) europäischen Kultur ein Ende machen wird. Bezeichnenderweise kommt das Allerheiligste, die Eigentumsrechte, zum Schluß. Die werden jetzt zur Disposition gestellt.

Wir mußten lernen, daß die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Staates BRD nicht freiheitlich ist und daß ihre gelenkte Demokratie ein Repressionssystem ist, das der Implementierung der universalistischen Ideologie amerikanischer Weltherrschaft in das politische Tagesgeschäft dient. Wir könnten feststellen, daß nur das Wort "Grundordnung" einigermaßen ehrlich ist, insofern es dem Staat an einer Verfassung gebricht und dafür ein im Takt des Zeitgeistes den Opportunitäten der Herrschaftsausführung angepaßtes Grundgesetz herhalten muß: ein Besatzungsstatut, dessen Würde auf dem Niveau des Sumpfes liegt, dessen Interessen es bedient.

Die Symbiose aus Sozialismus und globalisiertem raffendem Finanzkapitalismus ist nicht der Dritte Weg, nach dem Generationen von verzweifelten Renegaten gesucht haben.

Wer die Mechanismen der Auflösung des Westens verstehen will, dem können wir zwei Bücher besonders ans Herz legen: Arnold Toynbees "Gang der Weltgeschichte" aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und Tocquevilles "Demokratie in Amerika", zweihundert Jahre alt. Toynbee ist hierzulande nicht so bekannt wie Spengler, aber als Kulturmorphologe ist er sozusagen der "bessere Spengler", denn sein Ansatz ist systematischer. Und für die Vernutzung in der Argumentation ist Toynbee sehr viel brauchbarer, da er als Engländer nicht als Vordenker des Nationalsozialismus diffamierbar ist. (Welcher Vorwurf, der Spengler notorisch gemacht wird, absurd ist, da gerade dem Nationalsozialismus ein extremer Kulturoptimismus zu eigen war.) Toynbees Interpretation des Lebenszyklus von Kulturen wollen ihr demnächst noch einen gesonderten Beitrag widmen.

Die Positionen des aufgeklärten Aristokraten und des christlichen Gelehrten liegen uns besonders nahe, und daß sie den Niedergang unserer Demokratie und unserer Kultur ex ante erklären, macht ihre Analysen glaubwürding weil frei von Interessen. Ex post muß man nur noch Historiker sein, und wer von denen traut sich heute schon noch, die Dinge beim Namen zu nennen. Wer überhaupt traut sich, die Zustände, die uns umgeben, beim Namen zu nennen, wenn er noch auf einen Broterwerb angewiesen ist? Auch wir hätten dies hier nicht schreiben können, als wir noch in der sogenannten freien Wirtschaft angestellt oder selbständig tätig waren. Freiheit gibt es nur für die, die sie sich leisten können, und für die, die ihre Freiheit im Mitläufertum sehen.

III.

Die Dekadenz einer Gesellschaft bemißt sich weniger an der Größe ihrer Laster, die sie ausübt, sondern vielmehr an der Niedertracht ihrer Werte, die man verehrt.

Thierry Maulnier, zitiert von Dominique Venner

Wann gab sich der Westen auf? Mancher mag dies um den ersten Weltkrieg herum verorten. Wir sehen die Selbstaufgabe des europäischen Westens als eine indirekte Auswirkung von Demokratisierung und Liberalisierung nach dem zweiten. Es begann in den 1960er Jahren in Frankreich sichtbar zu werden. Dominique Venner bringt es in "Das rebellische Herz" auf die Formel, die Frage der Epoche habe für Frankreich darin bestanden, ob Algerien französisch werden würde oder Frankreich algerisch; die einheimischen Eliten hätten alles dafür getan (oder eher unterlassen), daß letzteres geschah. In England gab es 1968 Anlaß für für den Parlamentsabgeordneten Enoch Powell, die "Rivers of Blood"-Rede zu halten, um vor nicht mehr rückgängig zu machender Infiltration zu warnen. Auch in Deutschland wurde in den 1960ern der Grundstein für die Selbstaufgabe gelegt. Nicht anders in den skandinavischen Ländern, Holland, Belgien, Spanien... Aufgrund der demographischen Sachlage und dem unterschiedlichen Vermehrungspotential der ethnischen Gruppen werden sich die Mehrheitsverhältnisse in allen westeuropäischen Ländern in den kommenden 30 Jahren verschieben und damit die neuen Mehrheiten auch Macht in den Staaten beanspruchen werden. Die "Unterwerfung" ist kein literarisches Schauerszenario, sondern wird überall im Westen Realität werden. Das würde selbst dann gelten, wenn die Masseneinwanderung nicht weiter fortschritte, wovon keine Rede sein kann. Es ist bereits jetzt zu spät. Das liberalistische System ist an seiner Permissivität bereits zugrunde gegangen, es hat dies nur noch nicht bemerkt.

Was könnte nicht sonst noch alles passieren jetzt oder bald oder später. Die europäische Union könnte weiter am Südrand auseinanderbrechen, genauso ungeordnet und unprofessionell wie zur Zeit am Nordwestrand, und Deutschland bliebe auf einer Billion Euro Targetsaldo für immer sitzen. Eine weltweite Finanzkrise könnte uns alles an Vermögen und Ersparnissen nehmen außer unserem Grund und Boden. Die nächste deutsche Regierung könnte auch den Grund und Boden verstaatlichen und den Besitz sonstigen Nichteuro-Kapitals verbieten. Unsere Energieversorgung, jedenfalls in Deutschland, könnte zusammenbrechen, und das nicht nur für Tage, sondern für Wochen, Monate, noch länger. Die Amerikaner könnten einen nuklearen Krieg mit Rußland anzetteln mit uns als Kollateralschaden. Jedes dieser Szenarien hat eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit und würde uns mehr oder weniger gründlich auslöschen. Aber auch wenn das Schicksal uns all dies ersparen sollte, ist gewiß, daß Westeuropa in einen bunten Teppich von Stammesgebieten und Clanzellen zerfallen wird. Das wird jenseits der Kategorien von Staatlichkeit ablaufen, wie wir sie in den 1990er Jahren noch hatten.

Wie zwölf Jahre zuvor den Fall der Mauer sahen wir 2001 befremdet die Bilder der fallenden Türme, und wieder wußten wir gleich, daß das, was man glauben könnte zu sehen, nicht das war, was wirklich geschah. Wir sahen die Ästhetik einer präzisen Sprengung zweier (wie wir später erfahren sollten: dreier) Türme, die als Sprengung der Weltordnung gedacht war. Hellsichtig bezeichnete Stockhausen die Anschläge als das größte Kunstwerk. Amerika läutete seinen eigenen und unseren Abstieg ein, während etwa zur gleichen Zeit Rußland nach dem Desaster der Gorbatschow- und Jelzin-Jahre sich wiederzuerschaffen begann.

Wir können auch im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts noch recht bequem und einigermaßen frei von Bevormundung leben dort, auf unserer Roten Schanze, wo wir uns niedergelassen haben. In Mecklenburg, heißt es, geht die Welt erst 50 Jahre später unter. Dem kulturellem Verfall der westlichen Gesellschaft und dem Zerfall deutscher und europäischer Infrastrukturen entgehen wir auch hier nicht. Der Westen ist am Ende. In den nächste drei Jahrzehnten wird sich auseinandersortieren müssen, was zwischen Atlantik und Schwarzem Meer als gescheiterter Staat im Chaos der nächsten Völkerwanderung versinken will und was zur Sezession und für neue Bündnisse bereit ist.


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Хотят ли русские войны?

Jewgeni Jewtuschenko

Warum nun schon wieder Bündnisse? War nicht das beste, was dem östlichen Mitteleuropa passiert ist, daß ihm die Westbindung erspart blieb und es sich weitgehend aus eigener Kraft aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts herauswinden mußte? Das ist wohl so, aber von der Einbindung in den europäischen Wirtschaftsraum hat Ostmitteleuropa außerordentlich profitiert. Den Schwur will es aber nicht für eine politische Union gelten lassen, von kultureller Anverwandlung ganz zu schweigen. Das östliche Europa sperrt sich, fremden Rassen, einer fremden Religion, fremden Kulturen auf archaischem Niveau Zugang zu gewähren. Im Osten nimmt man auch wenig Rücksicht auf die Partikularinteressen perverser Randgruppen.

Aber es ist nicht jeder frei, der seiner Ketten spottet. Wenn Osteuropa eine Zukunft haben will und sich nicht an die untergehende westeuropäische Union binden will, wird es sich in den vor uns liegenden 30 Jahren radikal umorientieren müssen. Die Ungarn sind schon ein Stück weiter, scheinen sogar die Sehnsucht nach einer erneuerten, austrifizierten europäischen Union als irrational erkannt zu haben, aber die ostmitteleuropäischen Völker werden einen nach den Erfahrungen der letzten drei Jahrhunderte schmerzhaften Schritt tun müssen. Irgendwann sollten die Polen und Balten begreifen, daß der Kampf um den Zugang zur Ostsee Historie ist und daß Rußland keinen sozialistisch-präkommunistischen Ostblick mehr anstrebt, sondern seine Souveränität in den Grenzen seines Reiches erhalten will. Daß sie von ihrem neugewählten angloamerikanischen Hegemon nichts mehr bekommen werden als Raketen- und Raketenabwehrsysteme, gerichtet auf einen vermeintlichen Gegner, der nicht mehr ihr Gegner ist und den sie bald nicht mehr als ihren Gegner werden betrachten können bei Strafe ihres Untergangs in den Armen des Westens.

Die stockende Angleichung der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland an westdeutsche Standards ist ein großes Glück. Gewiß: Viele derer, die im Anhaltinischen, Thüringischen oder Mecklenburgischen Arbeit haben, haben die im Westen. Uns selbst ging es ja all die Jahre nicht anders. Aber die Lücken in der gleichmäßigen Bespaßung, abweisendes gesellschaftliches Klima und schlechtere infrastrukturelle Voraussetzungen zur Clusterbildung halten viele Einwanderer von der ostdeutschen Provinz fern. In unserer Markt- und der Garnisonsstadt sehen wir gelegentlich auch die eine oder andere Burkafrau, aber die Zahl der sichtbar werdenden Einwanderer ist gering im Vergleich zu dem, was man zum Beispiel in der tiefen hessischen Provinz erleben kann. Nur in wenigen Residenz- und Industriestädten des Ostens ist die Situation angespannt, von Berlin, das leider an seinen Süd- und Westflanken schon weit nach Brandenburg ausstrahlt, nicht zu reden. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung veröffentlicht zur demographischen Lage und zu den Unterschieden zwischen West und Ost beeindruckende Informationsgraphiken, die Hoffnung machen und erstaunlicherweise nicht im Giftschrank gelandet sind. Weiteres kann man wie immer bei Sarrazin nachlesen.

Wenn es für uns Deutsche eine Zukunft unserer Kultur geben sollte, dann liegt sie im Osten. Innerhalb der nächsten 30 Jahre wird der Westen islamisch beherrscht und in eine Reihe sich gegenseitig bekriegender Kalifatsstaaten umgewandelt sein. Das christliche Abendland muß Erneuerung in einem neuen, eurasischen Bündnis finden, mit Rußland und schließlich sogar China. Die Ukraine und Weißrußland, heute Figuren auf dem "Herzland"-Schachbrett der Brzezinskis und Barnetts, werden wieder Teil der rußländischen Föderation sein, wo sie historisch hingehören, und werden sich dafür glücklich preisen können.

Falls wir in dem von der westlichen liberalen Krankheit noch weniger infizierten Teil Deutschlands eine Fortexistenz als Volk wollen, liegt es bei uns, die Sezession zu betreiben und mit Ostelbien als ehemaligem slawischem Siedlungsgebiet oder gar entlang der Linie des Potsdamer Abkommens Teil des kontinentalen Bündnisses zu werden. Das wird uns nicht geschenkt werden. Wir können noch hoffen, daß die Grenze zwischen dem Imperien einst die Elbe sein wird, nicht die Oder. (Und wir können uns zugegebenermaßen überhaupt nicht vorstellen, was aus dem besonderen politischen Gebiet Berlin anderes werden könnte als eben ein besonderes politisches Gebiet.) Vielleicht werden wir ja zum Ende unseres Lebens, im letzten Drittel des letzten Drittels sozusagen, in einem Gemeinwesen angekommen sein, das unseren Respekt verdient. Aber das bleiben womöglich nur Träumereien. Die in den vergangenen 30 Jahren im Osten herangewachsenen Generationen wurden längst der Reeducation unterzogen, und wir befürchten, daß diese erfolgreich sein wird. Wir Reaktionäre werden irgendwann einmal alle gestorben sein.


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Warum schreiben wir dies alles hier? Muß das denn sein: sich in Unfrieden begeben mit seiner Umwelt und Unverständnis ernten bei denen, die lieber nichts sehen, nichts hören, nichts sagen? Wir bewegen doch eh nichts, werden nicht einmal gefunden hier im hintersten Winkel des Internets. Aber: Wir haben uns unsere Unabhängigkeit erarbeitet und besitzen nun die Freiheit, uns, wie Jünger vorschlug, ein W auf die Mauer zu malen, das für "Widerstand" stehen könnte.

Wir erinnern uns an ein Mensagespräch mit Studienkollegen, das könnte 1985 oder 1986 gewesen sein. Es ging um die Frage, ob man nicht seiner Karriere etwas Gutes tun sollte und in die Partei eintreten. Wir selbst vertraten die Auffassung, daß man so etwas lieber sein lassen sollte. Wir meinten, es könnte ja durchaus auch wieder einmal anders kommen, und führten das Beispiel unseres Großvaters an, der in die NSDAP eintrat, um Bahnhofsvorsteher werden zu können. Ein Schritt, der seine Familie im Jahre 1945 wieder in recht schlichte Verhältnisse zurückwerfen sollte. Das Gespräch wurde recht einsilbig angesichts solch lästerlicher Rede und es mag für den 25-jährigen vermessen gewesen sein, davon zu sprechen, daß die Verhältnisse sich drehen könnten, was in jenen Jahren ja durchaus noch nicht naheliegend war, aber er sollte recht behalten.

Es lohnt, nein zu sagen, auch wenn das nur ein sehr bescheidener Beitrag ist. Vielleicht behalten wir ja auch diesmal wieder recht.

 


http://www.tedesca.net/weblog/1555053632:261206.html (2019-04-22T11:00:21+02:00)